Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 25. Mai 1941 (Heidelberg)


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Heidelberg-R. 25.V.1941.
Mein geliebtes Herz!
Die Briefe an Dich blieben ungeschrieben, teils aus Zeitmangel, teils aus Müdigkeit. - Heut ist es nun eine Woche, seit Adele für immer von uns ging. Ihr habt es vielleicht schon erfahren. Der Zustand blieb bis zuletzt der gleiche, nur wurde der Atem kürzer und rascher, und schließlich setzte das Herz aus. Sie ist hinübergeschlummert. Es war alles so still und andächtig und ich konnte nur Dankbarkeit empfinden - für das, was sie mir war und dafür, daß sie nicht mehr leiden mußte. Seelisch waren ja die letzten Jahre so unendlich schwer für sie, und all das Persönliche wurde noch so verschärft durch den Krieg. Der Sohn aus Mannheim war immer sonntäglich bei ihr, und sie sprach mir noch vor kurzem aus, wie wohltuend ihr seine gleichmäßige Ruhe sei. Nun hat er ihr als Arzt auch den letzten Weg erleichtern können. - Die Bestattung war am Mittwoch, und Pfarrer Maas sprach sehr schöne Worte des Gedenkens, offenbar mit viel Liebe inspiriert durch den Sohn. Der Sarg war von einer Fülle schöner Kränze umgeben, obgleich sie doch scheinbar kaum jemand kannte. Am
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| Morgen waren die Straßburger Freundin, Frau Both, und ich dabei, wie der Sarg geschlossen wurde und wir ließen, auf Wunsch des Sohnes, noch eine leichte grüne Guirlande herumlegen. Alle Blumen lagen nur um und auf der Bahre, wo sie dann bleiben, wenn der Sarg sich versenkt. Schon am nächsten Morgen um 9 wurde dann das kleine Aschekästchen in das Grab zu dem Gatten bestattet. - Nun ist dies alles zu Ende und es bleibt nur, dem Sohn noch etwas beizustehen bei der Auflösung des Haushalts. Das ist für ihn nicht leicht, da ja 3 der Söhne unerreichbar sind, und der in Baden unter dem Druck seiner Frau steht, die sich gleich sehr dem - Nützlichen zuwendete. -
- Verschiedene Grüße, die mir aufgetragen wurden, konnte ich nicht mehr ausrichten, auch nicht den Deinen, Du Lieber, weil ich sie nicht aus ihrer weltentrückten Stille durch Anruf aufschrecken wollte. Ich bin überzeugt, daß sie sich schon lange auf den letzten Schritt vorbereitete, und daß sie jetzt nur noch - wartete. Sie lag von Anfang an mit geschlossenen Augen. Aber ich glaube, daß sie wohl auch so noch empfand, wenn man ihr in Liebe nahe war. - Seltsam war ein Brief, den der Sohn erhielt, geschrieben von einem früheren
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| Mädchen
aus der Straßburger Zeit, vom Datum des Todestages, die anfragt, ob wohl Frau Professor noch lebt und voll Dankbarkeit von dem spricht, was sie bei ihr lernte und was ihr im Leben weiter half.
Du verstehst, mein liebes Herz, wie tief mich dies Erleben beschäftigte. Aber ich habe Dich, Deine und meine Welt darüber nicht vergessen. Die Ankündigung Deiner Vorlesungen erfüllt mich mit Freudigkeit und ich wünschte, ich könnte noch etwas Anderes als Cigarren dazu beitragen, daß Dir Kraft und Gelingen dabei treu bleiben. Für die übersandten 100 M habe herzlichen Dank. Ich muß gestehen, daß sie mir erst etwas nach moralischer Entrüstung rochen, über meine Abstellung der Heizung und ich beschloß gleich, sie möglichst in Tabaksrauch aufgehen zu lassen. Freilich wird das nur allmälig und zusehends langsamer möglich sein. Du mußt übrigens nicht denken, daß ich gesundheitlich irgendwie dadurch geschädigt bin. Die Heizung vorher war so miserabel, daß ich oft nachfühlte, ob der Heizkörper überhaupt schwach lauwarm sei. Und bei andern Leuten, vor allem bei Adele, war es für viel
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| Geld nicht wärmer als bei mir. Ich habe nicht die geringste Erkältung davongetragen.
Abends - und wenn ich nachts nicht einschlafen kann - bin ich jetzt nach dem Abschluß von dem Buch der Boveri wieder zu Carl Hillebrand zurückgekehrt. Ich weiß ja, daß meine Kenntnisse viel zu schwach sind, um alles zu verstehen und ich behalte auch nicht viele Einzelheiten. Aber es gibt mir Gesamtbilder und Überblicke, die mir auch für die Gegenwart forthelfen. Vor allem aber sind meine Gedanken immer wieder bei Deinem kleinen Aufsatz im Wissenschaftsdienst, der so weite Ausblicke eröffnet und Möglichkeiten der geistigen Zusammenhänge andeutet. Alle Freunde müssen daran teilnehmen. Mit Adele habe ich ja leider in letzter Zeit wenig geteilt. Da war der Besuch der Schwester Rabl und dann war sie auch von andern Dingen erfüllt. Die W.Fr. gab ich ihr, aber ich glaube nicht, daß sie es noch gelesen hat. Von der Heuß-Knapp war sie nicht sehr angetan, auch leider nicht von dem Büchlein über Straßburg, das ich ihr zu Weihnachten schenkte. Was habt Ihr nur für antike Kreise dort? Ich dachte, das wäre mein Vorrecht! - Diese älteren Ehepaare
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| hier sind doch für mich recht erfreulich. Besonders Heinrichs haben in dieser Zeit sich sehr teilnehmend um mich gekümmert. Wir alle sind bemüht, einen ruhenden Pol in der Erscheinungen Flucht zu finden. Leichter wird dies, wenn man nicht jeder Neuigkeit und Vermutung Gehör gibt. Irgend jemand wollte von einer Extrameldung wissen: wir seien in Rußland einmarschiert. Aber wo, wie, weshalb wußte derjenige nicht. Hoffentlich war es keine verkehrte Welle, der ers abgelauscht hatte. - Du fragst nach Heinz. Ich glaube, daß ich schon schrieb: "er sei unterwegs, aber leider nicht in südlichen Gefilden". - - Näheres hörte ich noch nicht. Weiß denn die Mittwochs-Gesellschaft zuweilen Genaueres?
Otto Kohler ist vorläufig zu Haus, und auch nicht ins Elsaß kommandiert. Hoffentlich bleibts dabei. - Auf meine Frage, ob man "Prof." Günther jetzt gratulieren kann, hast Du leider nicht geantwortet. Wenn es kein Geheimnis mehr ist, würde ichs auch gern seinem Bekannten erzählen, der sich sehr nach ihm erkundigte.
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Gestern bekam ich eine Aufforderung vom Oberarzt der Psychiatrischen Klinik eine Anzahl mikroskopische Präparate zu zeichnen. Hoffentlich wird das nun was und nicht wie mit Jena! Springer hat mich dort empfohlen, der ja das Buch von Prof. Gans verlegte. Meine eigne Anpreisung hatte hier nur in der Augenklinik Erfolg. -
Trotzdem würde ich aber sehr gern die Briefe über die W.Fr. lesen, wenn Du sie in dieser Zeit der Post anvertrauen willst, denn die Abende gehören ja mir. Wie ich höre, ist auch hier eine große Anzahl Exemplare verkauft worden. -
Ob Du aber Zeit hast, diesen weitschweifigen Brief zu lesen? Ich habe ihn mit Unterbrechungen geschrieben, denn ich war dazwischen in Adeles Wohnung bei Dr. Henning, der ein paar Aufträge für mich hatte, die er Sonntags nicht erledigen kann, und sonst hat er ja nun wieder seinen Dienst in Mannheim. - Jetzt nun will ich noch an den Briefkasten gehen, damit der Brief doch wenigstens um 6 Uhr früh mit fortkommt. - Grüße Susanne herzlich, und sei selbst innig gegrüßt von
Deiner Käthe.