Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 6. Juni 1941 (Heidelberg)


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Heidelberg. 6. Juni 1941.
Mein liebes Herz!
Es ist ärgerlich, daß ich abends jetzt immer so müde zum Einschlafen bin, und tagsüber ist doch keine Ruhe und Zeit zum Schreiben. So manches geht mir im Lauf der Woche durch den Sinn, was ich Dir gern mitteilen würde und wenn ich dann endlich vor dem Papier sitze, dann ist der Kopf leer. Du wirst das nichts Ungewöhnliches finden! Aber es kann doch mehr und minder der Fall sein, und eben ist besonders "mehr".
Aber "das Herz ist wach" und das hat sich sehr innig gefreut über Deinen pünktlichen Pfingstbrief. Eine ganz ungewöhnliche Freude war mir Dein Entschluß, richtig Pfingstferien zu machen und ich hoffe nur, daß sie einigermaßen vom Wetter begünstigt waren. Hier war der Mittwoch von einer sommerlichen Schönheit und ich verbrachte den Abend von ½ 7 bis ½ 10 bei Frau Franz-Mathy und ihrer Tochter Gretel auf einem idealen Balkon an der Bergstraße in wundervoller Stille mitten in schönen Gärten. Das war mein Pfingsten, in Bezug auf Natur. Im Zimmer hatte ich von dem nachbarlichen Ehepaar Heinrich einen herrlichen Blumenstrauß
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| Pfingstrosen und Schwertlilien, sowie guten selbstgebacknen Kuchen. Im übrigen aber widmete ich mich dem Zeichnen, denn ich mußte mich mit den 14 Bildern sehr eilen, da die Reproduktion womöglich noch kontrolliert werden muß, ehe der Professor wieder zum Heeresdienst muß.
In der Wohnung von Adele hat der Sohn noch einmal die Straßburger Freunde und mich zum Tee gebeten, da auch der Bruder aus Sofia gekommen war. Da wurde auch allerlei Balkanisches gesprochen: von der großen Begeisterung, mit der unsre Truppen begrüßt werden, von den wirtschaftlichen Verhandlungen, die aber zum Teil daran kranken, daß sie voraussetzen, den deutschen Schwung auf jene Südländer zu übertragen, die ein ganz andres Temperament haben, denn schon hinter Wien finge der Orient an. Wie war es doch auf Deiner Schiffsreise nach den Ägaischen Inseln? - - Lebensmittel etc. sind dort noch in Hülle und Fülle, überhaupt kein Mangel und man sieht sich vor, daß nicht alles aufgekauft wird wie im Westen. - - Bei uns ist es damit nicht mehr üppig und von Spargelschicken ist diesmal leider keine Rede. Ich habe bisher noch keinen gekauft, denn aus der 3. Sorte mache ich mir nichts, und wirklich gute fand ich nirgends.
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Es ist seltsam, wie schwer man sich gewöhnt, jemand aus dem Leben fortzudenken. Immer wieder ertappe ich mich dabei, daß ich Adele in ihrem schönen Heim suche. Man hatte so viel an ihr. - Von Hanna lauten die Nachrichten soweit befriedigend. Sie soll nach Pfingsten zu Freunden (Körte) nach Leipzig zur Erholung. - Aber wie mag es Meinecke gehen? Die Nachricht über R. hat sich bei der Unterhaltung mit H. Henning dahin geklärt, daß es sich um eine Pachtung auf 90 Jahre handeln soll. Hoffentlich gehts damit nicht wie mit Tsing-tau. -
Mit der Temperatur ist es ganz unberechenbar. Endlich zu Pfingsten hatte ich die Wintersachen abgelegt; aber heut könnte man sie beinah wieder gebrauchen. Dabei ist die Vegetation üppig, soweit sie nicht durch Frost und Insekten gelitten hat, Frühlings- und Sommerblumen zugleich und reiches Blattwerk, durch den vielen Regen. - Daß bei Euch Seife nachgewachsen ist, freut mich, denn leider kann ich keine mehr abgeben. Und wenn der Vorrat alle ist, was dann?!
Im Schwarzwald soll es - je nachdem - noch nahrhaft sein, aber teuer. In Oberbayern soll man nicht mehr Platz finden. - Von der Reichenau hörte ich auch noch nichts. - - Wenn nun die Zeichnerei vorbei ist, willst Du mir dann die Briefe über die W.Fr. schicken? Auch ich habe vor, wieder ein eingeschriebenes
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| Päckchen zu schicken, nicht Lektüre sondern "Rauchware". Es kleckert damit immer so weiter, je nachdem ob ich ihn oder sie im Laden treffe! - Die W.Fr. ist hier schon wieder ausverkauft. Ich habe allein 8 verschenkt. Hoffentlich ist doch für die Akademie-Rede noch Papier da! Wieviel unnötige Reklame wird doch noch gedruckt. Die Zeitung wird bald das Format von vor 100 Jahren haben, nur die Seite: Kino und Sport ist noch wie sonst.
Rösel Hecht ist für die Pfingstwoche nach Dresden zu ihrer Tochter. Im ganzen bin ich nicht häufig da gewesen, sie ist so unberechenbar, daß man sich leicht unsicher fühlt. Aber ich war überhaupt in dieser Zeit so in Anspruch genommen. - Sehr hübsch ist es, abends in der Dämmerung für ein Plauderhalbstündchen in die Nachbarschaft zu gehen, zu Heinrichs, oder Frau Buttmi. - Um Zeit zu sparen war ich auch mehrmals zum Essen in dem nahen Gasthaus. Da hörte ich, daß der Wirt schwerkrank an Magengeschwüren operiert werden mußte. Es sind so fleißige tüchtige Menschen, und haben es nicht leicht heutzutage. - Auch meine Hauswirtin liegt im Krankenhaus; es wurde ein Kind erwartet, aber es kam tot zur Welt. Er tröstet sich, daß es nur ein Mädchen war! Sie haben ja schon 2 - -
So gibt es allerlei Kummer zu beklagen, und über allem Persönlichen steht die große Frage: Europa? - -
Draußen steht die mondhelle Nacht. Ob sie ohne Alarm vergehen wird? Ich wünsche es Euch besonders, und grüße vielmals. Wie immer getreu
Deine
Käthe.