Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 7. Juli 1941 (Heidelberg)


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Heidelberg. 6. Juli 1941.
Mein liebes Herz!
Es wird nun an der Zeit, daß ich Dir die vielen, teils sehr schönen Briefe zurückschicke. Wenn es nicht so ermüdend heiß wäre, hätte ich es schon viel früher getan, denn ich habe mich lebhaft damit beschäftigt. Aus welch verschiedenartigen Lebenslagen heraus ist Dir damit ein Echo gekommen, meist irgendwie seelisch angeregt, nur die borniert "Gläubigen" haben kein eigentlich religiöses Organ. Besonders eindrucksvoll waren mir No3 Doerne, durch feinsinniges Verständnis, No15 Lüdtke, durch das aktive Umsetzen, das Weitergeben, No26 - Trautmann mit der ernsten zweiflerischen Auseinandersetzung, No27 Unger durch die große persönliche Wärme. Aber auch sonst ist so vieles, was von innerer fruchtbarer Bewegung spricht, die Du auslöstest; bestätigt, gestärkt im eigenen Wesen, oder wenigstens erkennend, was sein sollte, wie Nohl u. Wiechert. Du hast das ewig Menschliche in ihnen berührt und das sagt auch die objektive Würdigung von Rothacker mit der scheußlichen Schrift. - Man gewinnt ein Bild von den Menschen auch durch die Art ihrer Reaktion.
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| So z. B. von dem Kohlstock mit seinem freideutschen Ausleben. - Notabene: Kohl - das war Blumenkohl beim Spargel! -
Und nun zum Reiseplan. Mir ist ja eigentlich Marienbad etwas sehr abgelegen. Aber es ist dort wohl noch vieles, was wir des schlechten Wetters wegen nicht ausnützen konnten. Mir ist auch der teure Badebetrieb eigentlich unlieb, doch es ist ja sehr schwer, sonst etwas Besseres zu finden. Und alles soll sehr überfüllt sein. Vielleicht gehen diesmal die Leute im allgemeinen nicht so östlich.
- Für Deinen Brief herzlichen Dank. Ich hatte rechte Sehnsucht danach, denn es fehlt mir die Lebenslust, wenn ich so lange ohne Nachricht von Dir bin. - Daß die Schiller- Humboldt-Briefe Dich wirklich gefreut haben, hörte ich ungemein gern. Mich bewegten im Augenblick, als ich mir das Buch geben ließ, nur die beiden Namen in ihrer Beziehung auf Dich, und ich ersah erst später an der Jahreszahl, daß es vielleicht auch objektiven Wert haben könne.x [li. Rand] x Die Einleitung habe ich gelesen - wieder gelesen. - Wann wird denn wohl Dein Schiller-Vortrag im Druck erscheinen? Und was ist Dein Thema in Schweden? Wo überhaupt in Schweden? und wann? - -
Von hier ist mal wieder garnichts zu erzählen. Der
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| Plan mit Dielbach kam noch nicht zur Ausführung - vermutlich durch meine Indolenz. Ich hätte wohl einfach hinfahren können, denn Gertrud schrieb: Kommst Du bald mal zu uns? Ich aber erbat noch eine Nachricht, wann es dort passe? Und das Schreiben ist nicht ihr Fall. Wenn man aber kommt, ist es immer höchst behaglich.
Der Vorstand hat einen starken Katarrh gehabt und ist etwas angegriffen. Auch ein kurzer Alarm in der vorigen Woche wurde als unerwünschte Störung vermerkt. Aber die Rundfunknachrichten werden nie versäumt. - Es ist ja auch wieder eine Zeit des Staunens über die ungeheuren Leistungen, die man unserm Volk abgewinnen kann, und man fühlt die unheimliche Größe des Geschehens. Auch hier steht die ewige Frage nach dem Weltsinn zwingend vor uns. - Sehr schön war heute wieder die Predigt von Pfarrer Maas über den Text "der Glaube ist die gewisse Zuversicht des das man hofft-" . Frau Buttmi und ich gingen in der Morgenfrühe über den Friedhof und am Waldesrand zu Fuß in die Stadt, das war mit dem weiten Ausblick in die sonnige Rheinebene sehr schön.
In meiner Wohnung ist es gut heiß, 21°R.,
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| trotz der Rolläden. Aber es kommt doch immer wieder ein kühlendes Lüftchen durchs offne Fenster und nachts bleibt - trotz Verdunkelung - alles offen.
Mit Hedwig Mathy war ich in gutem Einvernehmen beisammen, und das Ehepaar Heinrich ist vom Schwarzwald sehr befriedigt zurück. Aber Schoepffers sind durch den Tod eines nahen Freundes, alten Amtsgenossen, sehr betrübt.
Von Berlin und Stolp höre ich wenig, schreibe wohl auch selbst nicht genug. Von der Weimarfahrt der Schule kam eine Karte von Irmgard und dem Vater.
- An Heinz denke ich viel mit Sorge. Möge er gesund heimkehren. - Habt Ihr oft Alarm bei den Einflügen in Hamburg und Bremen? Wir sind seit langem sehr verwöhnt durch ruhige Nächte. Aber sonst ist die Verwöhnung nicht allzu groß. Zum sichtbaren Zeichen davon schicke ich Dir das Kärtchen der Automatenw[über der Zeile] age mit.
Hoffentlich ists bei Euch besser! Ich grüße Euch mit vielen guten Wünschen.
Immer getreu
Deine
Käthe.

[] Dr. Drechsler kommt in Urlaub und wird sich am 19. verloben.