Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 29. August 1941 (Heidelberg)


[1]
|
Heidelberg. 29. August 1941.
Mein geliebtes Herz!
Da bin ich nun wieder unter dem Druck der Heidelberger Luft, und die Reisetage liegen wie ein schöner Traum hinter mir. Auch die Fahrt zurück war schön, bei strahlender Beleuchtung. Das Stück vor Nürnberg, an der Pegnitz, erinnerte wieder stark an die Donau bei Inzigkofen. Überall war noch das Getreide auf dem Feld, aber man sah doch einzelne Erntewagen, selten ein schon leeres Feld. Herbstlich erschien es noch nirgends, auch hier nicht. Dazu war es wohl noch nicht angetan bei dem vielen Regen und der wenigen Sonnenbleiche. -
Der Platz, den Du mir erobert hattest, war sehr angenehm. Die Nachbarin, die aber aus dem Nadelwald kam, unterhielt sich mit einer Dame, der sie in Eger den Platz räumte, lebhaft über die Stimmung in Prag, wo man ihr - weil sie deutsch sprach - sehr unfreundlich begegnete. Und die andere beklagte sich lebhaft über die Unfreundlichkeit, ja Grobheit der Marienbader; sie hat den Ort sogar schmutzig und heruntergekommen gefunden. Im Protektorat sind die Rationen noch viel kleiner als bei uns; aber hinten herum bekäme man für viel Geld alles; doch nur wenn man einen Tschechen zum Freunde hat. - Bis Nürnberg blieben wir
[2]
| dann zu dritt, nach dem Umsteigen bekam ich dann einen Eckplatz, und von Würzburg [über der Zeile] war ich nur noch mit einem Ehepaar, das in Lauda umstieg. Von da an hatte ich das Abteil für mich, bis ich im Neckartal ein junges Mädel, die immer auf der verkehrten Seite am Fenster stand, hereinnötigte, das schöne Tal zu genießen. - Ein netter junger Flieger verschaffte mir in Osterburken ein Glas Bier und ich machte ihn dafür mit einigen Cigaretten sehr vergnügt. Er hatte gerade garnichts mehr. - Im Übrigen habe ich mich mit dem guten Futter, das Ihr mir mitgegeben hattet, mehr als ausreichend genährt; auch zu Haus noch, mit echtem Tee dazu, gut getan. Jetzt schwelge ich auch noch in Butter, und bekam sogar wieder etwas Vollmilch. Beide Tage bisher habe ich im Gasthaus gegessen, um die Verwöhnung doch erst langsam abklingen zu lassen. - Pünktlich auf die Minute in Würzburg eingefahren und glatt den Anschluß erreichend, war ich auch hier auf die Minute und um ½ 10 Uhr im Haus, wo alles in bester Ordnung war. Nach dem Abendessen und einigem Kramen wollte ich um ½ 12 gerade ins Bett steigen, da ging die Sirene an. Und der Aufenthalt im Keller dauerte 4 Stunden. Zeitweise beobachteten wir auch vor der Tür einen Flieger im Lichte der sich kreuzenden Scheinwerfer, er entkam aber gegen die Berge hin. Ich schlief dann aber von ½ 4 bis gegen 9 und
[3]
| holte das Versäumte nach. Gegen Mittag suchte ich Frau Kühn bei Lulu Jannasch auf, sie hatte aber den Nachmittag schon besetzt. Nach Besuch beim Vorstand und einem guten Essen in Franks Weinstube, für 1,50 (mit): Leber und Kartoffelsalat, (sehr gut und viel) versuchte ich mein Heil bei den Dienstmännern am Bahnhof. Dreie hatten Ausreden, der vierte sagte, er würde 3,50 M kosten, denn dazu brauche er Stunden!! Faules Pack! In ¾ Stunden macht man es bequem, denn natürlich fährt man doch mit der Elektrischen. Er hatte bereits den Schein ergriffen, suchte den Koffer heraus und trug ihn an die Haltestelle, wofür ich 60 Pf berappen mußte, um ihn dann schließlich allein die Markscheide heraufzutragen. Dank der Erholung in Marienbad habe ich mir keinen Hexenschuß geholt, sondern den leichten Muskelkater in Schultern und Genick mit einem Aspirin glatt überwunden. - In der Nacht hätte ich ungestört schlafen können, wenn nicht - - eine Maus im Zimmer gewesen wäre. Dreimal mußte ich Licht machen und sie verscheuchen, bis sie Ruhe gab. Heute werde ich aber eine Falle stellen, - ohne Erbarmen.
Die Post brachte eine Karte von Hedwig Mathy aus St. Peter und einen Brief von Hermann. Er hat in Berlin die Reste vom Opernhaus besehen,
[4]
| und berichtet von allen im Felde und daheim. Von Heinz war die letzte Nachricht vom 12.8., er schriebe vom abwechselnder Ruhe und schweren Kämpfen. Hermann vermutet ihn in der Richtung auf Petersburg in der Nähe von Ilmensee. - Dieter ist auf der Augenstation in Rouen, verlangt Ahnenpaß und Geld für eine Uniform, was auf Beförderung zum Unterarzt schließen ließe. - Auch den andern Kriegsteilnehmern ginge es gut. Mädis Mann ist bei Smolensk Melder im Reg.- Stab und Zeichner von Stellungsskizzen. Mädi mit Kind ist jetzt in Stolp; der Junge ist zart und weinerlich, Hermann fühlt sich, wohl mit Recht, an die eigne Kindheit erinnert. - Ich bin froh für Mädi, die sich mit meiner Schwägerin auch recht gut zu verstehen scheint, so daß der Aufenthalt eine gute Zuflucht für sie ist.
Wie war Eure Reise? Ihr werdet kaum früher als ich zu Haus gewesen sein. Hoffentlich aber ohne nächtlichen Alarm. Der erste Tag hier war herrlich warm und sonnig. Heute dagegen wieder Regen, so daß man nicht auf einen Wetterumschwung für den September rechnen kann. - Ich vermisse die Heeresberichte, die hier offenbar nicht zum Essen gereicht werden. Aber vom 1. ab habe ich wieder die Zeitung. Und am 31. wird hoffentlich dieser Brief bei Dir sein und Dich an vergangene unbeschwerte und ernste Tage erinnern. Ich grüße Dich und Susanne in herzlicher Dankbarkeit. <li. Rand> Ihr schreibe ich auch noch direkt. - In stetem Gedenken und in Treue Dir verbunden
Deine Käthe.