Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 8. September 1941 (Heidelberg)


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Heidelberg. 8. Sept. 1941.
Mein geliebtes Herz!
Gestern wollte ich Dir schreiben. Es sollte meine Sonntagsfreude sein, aber da war vormittags der Kirchgang, der immer viel Zeit kostet von hier aus; und nachmittags war erst ein notwendiger Geburtstagsbrief, und dann bei Heinrichs die Radiosendung: Mozart. Auch der Abend gehörte mir nicht, denn Frau Buttmi konnte ich nicht gut abschlagen, noch einen kleineren Spaziergang zu machen. So geht die Zeit hin "wie ein Geschwätz." - Still bei der Arbeit wandern meine Gedanken noch viel zurück nach Marienbad. Es war freundlicher als voriges Jahr und äußerlich verwöhnend. Wie fürsorglich wart Ihr auch beständig für mein leibliches Wohl bedacht; aber wie ich die meist dicht eingeschlossenen Spazierwege nicht so schätze, so habe ich überhaupt nicht das sonst gewohnte Gefühl einer Befreiung mit[über der Zeile] heimgebracht. Selbst die Hohendorfer Höhe und Steinbühl haben es nicht zuwege gebracht. Das liegt wohl vermutlich an mir. Man hat wohl gelernt, schweigend mit sich fertig zu werden. Die Gewaltsamkeit der Zeit, der man absolut nicht aktiv begegnen kann, erzieht zu Gelassenheit und Ergebung. - Ist es Ergebung in einen höheren Willen? In guten Tagen war es wohl leicht, die Führung zu sehen und ihr gläubig zu vertrauen. Aber jetzt, wo wir täglich
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| Ungeheuerliches erleben müssen, gegen das sich unser Gefühl auflehnt, und vor dem unser menschlicher Sinn versagt, da ist es schwer und man wird ganz in sich zurückgewiesen, auf die Quellen des Lebens im Inneren. Da ist mir das Schönste von Marienbad Dein Båstadter Vortrag. Gewiß hast Du ähnliche Gedanken schon in andern Aufsätzen ausgesprochen, aber es ist wieder solch in sich vollendetes Ganze, wie ein organisches Wesen, wie eine wundervoll entfaltete Blüte, an der man immer wieder neue Schönheit entdeckt. Das könntest Du nicht schreiben, wenn es nicht auch in Dir wäre. Darum überrascht es mich, daß Du meinst mehr Schillerisch zu sein. Ich habe mich besonnen, worin das bestehen soll und finde da wohl die unerbittliche Forderung nach Klarheit des Gedankens und Höhe des Ideals. Schiller ergreift das Ideal und sucht seinen Weg durch die Menschheit zu verstehen - Goethe nimmt die Wirklichkeit und sieht in ihr den Trieb zur Vollendung. - In dem Band der Briefe, die ich Dir zum Geburtstag schickte, habe ich die Einleitung von Humboldt gelesen und mich lebhaft erinnert an den großen Eindruck, den mir dies Dokument verständnisvoller Freundschaft machte, als wir es vor Jahren zusammen lasen. Jetzt habe ich mir den Band der Phil. Bibliothek vorgesucht, (er trägt eine Widmung vom Jahre 1910) und vertiefe mich mit dieser Führung von neuem vor allem in die Gedichte. Humboldt wundert sich, warum Schiller in der Geistesentwicklung des Menschen nicht
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| an die Bildung der Sprache denkt, und ich frage mich auch, woraus schließt er, daß nur die Kunst es war, die den Menschen über sich selbst erhob und nicht die Religion? - - Beim Vorstand fand ich den letzten Band der Goethe-Gesellschaft mit der Rede von Petersen und während ich auf Aenne wartete, las ich. Da ist mir seltsamerweise hauptsächlich im Sinn geblieben, daß nur fruchtbar wird, was durch den Tod besiegelt ist. Dies wurde wohl recht eigentlich gesagt unter dem Eindruck des Krieges, aber es berührt seltsam im Blick auf seinen eigenen Tod. - Auch in der Kirche sprach gestern das Evangelium von dem Samenkorn, das in die Erde gesenkt werden muß, damit es Frucht trage. Und sehr schön war die Predigt von Pfarrer Maas über 2 B. Mose 33, Vers 11 u.f. - "Herr, laß mich Deinen Weg wissen" - - das ist es ja, was auch Schiller meint: woher und wohin geht unser Weg?! Und auf diesem Wege war er ein Verkünder.
Ja, die Klöster sind jetzt überflüssig. Wir haben ja in Tepl gehört, daß sie Ackerbau und Kultur brachten, das ist ja jetzt nicht mehr nötig. Auch sonst war neulich Deine Flöte sehr gut eingestimmt. Was Du von der Krankheit im Ausland schreibst, kann ich Dir auch von Rohrbach berichten. Man schiebt es auf die neuen Kartoffeln, die wohl nicht gut ausgereift sind. Sie sind überhaupt nicht gut ausgefallen. Leider habe ich davon noch keine Marienbader Wirkung verspürt. Aber jemand hat behauptet, in
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| Odessa sei die Pest. Aber Wer weiß, ob das nicht eine Erfindung ist, ebenso wie die Sage, in der Pfalz wären Bazillen über die Weinberge geschüttet. Aber Flugblätter sollen wirklich gefunden sein und zwar mit ebensolch blödem Inhalt wie 1918, daß man nur gegen die Regierung, aber nicht gegen das Volk kämpfe. Das kennen wir ja nun schon. Und ähnlich wird auch der Rundfunk sich störend bemerklich machen. - -
Einen kleinen Anfang mit Sammeln habe ich schon wieder gemacht. Aber es munkelt schon in der Zeitung, daß auch dafür Karten eingeführt werden sollen. Das wäre sehr unangenehm. Aber eine energische Unterstützung Deiner Enthaltsamkeit!
Gestern nacht soll wieder ein starker Angriff auf Berlin gewesen sein. Hoffentlich nicht in Eurer Gegend. Es sagte heut jemand, es wäre in Dahlem eine Abteilung vom Luftfahrtministerium, deshalb sei dort die Gegend von Interesse. All meine innigen Wünsche sind bei Dir, und ich hoffe, Du bist mit Deiner Arbeit recht in Gang gekommen; denn eigentlich war uns Schiller doch nur so fremd geworden, weil uns jede Form von Pathos verdächtig geworden war. - Habe Dank für Deinen lieben Brief, den ich schon mit Verlangen erwartete. Aber ich bin nicht mehr unruhig wie früher, sondern unserer inneren Welt gewiß. Herzlichen Gruß an Susanne und Dir alles Liebe von
Deiner
Käthe.

[li. Rand S. 1] Die Marke ist die letzte in ihrer Art!