Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 12. September 1941 (Heidelberg)


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Heidelberg. 12. Sept. 1941.
Mein geliebtes Herz!
Als ich am Dienstag nach Haus kam, - ich hatte in der Stadt einen Brief für Dich eingesteckt - fand ich Deine lieben Zeilen vom 8. mit dem kleinen Brief von Prof. Bolza, den ich kürzlich beim Vorstand persönlich sah. Ich war sehr dankbar, zu hören, daß Euer Stadtviertel und besonders Euer Haus unverletzt blieb, und es war sehr lieb von Dir, mir diese beruhigende Nachricht zu geben. Denn die Zeitungsberichte gibt es doch nur, wenn die Sache recht ernst war, und über die Gegend, die getroffen wurde, erfährt man nichts. Bei uns war inzwischen merkwürdig oft nächtliche Ruhe und man fragt sich: was ist in Vorbereitung?
Da ich zuweilen in schweren Zeiten dunkle Vorgefühle hatte, und diesmal beim Abschied nichts derart sich ankündigte, so halte ich das tröstliche Gefühl fest, daß wir uns wiedersehen werden. - - Eure vielfachen Ermahnungen haben mich übrigens recht materiell gemacht und ich verwende auf meine Ernährung eine eigentlich unverhältnismäßige Aufmerksamkeit. Auch war ich in dieser Woche recht nahrhaft eingeladen, sowohl zum Mittagessen, als zweimal zu Kaffee und gutem Kuchen. Und was man dabei so erfährt, bereichert das Totalbild, freilich oft in kaum erträglicher Weise, und es klingt einem die Überschrift des Inferno im Ohr.
Abends bin ich dann mit den Gedanken bei Dir, bei
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| Deinem Schilleraufsatz, bei Wilh. v. Humboldt, bei Goethe. Mit Genuß las ich wieder die Rezension von Goethes 2. römischen Aufenthalt. Es ist eine wunderbare Gabe der Einfühlung bei diesem Wilhelm v. H.! Nur manchmal liest er sich schwer wegen zu arg verschachtelter Sätze.
Bei Schoepffers gab es neulich einen kleinen Aufsatz über Napoleon in den "Weißen Blättern", ich glaube von einem v. Falkenburg oder -au. Ein Gegenstück zu der Goetheschen Betrachtung über Egmont in Dichtung und Wahrheit, nur daß das Dämonische näher als bestimmte "Lebensform" genannt war. - -
Bärbel Kohler hat mal wieder etwas Nettes geliefert. Im Kindergarten dort ist von Partei wegen ein Rundfunk aufgestellt, damit die Kinder den Heeresbericht - mit Erläuterung! - hören können. Otto wollte mal sehen, was das Kind denn davon behält und fragt sie: Wo ist der Hitler denn daheim? "Auf dem Zuckerberg", war die prompte Antwort, denn Salz schien ihr offenbar für diesen Zweck nicht gut genug. - Übrigens aber ist nach dem Bericht von Rösel die zweite Tochter, die Traude, wirklich dauernd krank und vermutlich auch nicht heilbar. Sie hat hier ganz unstreitig epileptische Anfälle gehabt. Ich glaube, Kohlers möchten es immer wieder in Zweifel ziehen, um weiter auf Besserung zu hoffen. Es tut mir sehr leid.
An den Bauernhäusern im Dorf hängen jetzt die Ketten der Tabaksblätter zum Trocknen und verheißen einen "echten" Zuschuß zum deutschen Wald. Unsre Zeitung füllt ihre dürftigen Spalten mit Erntevoraussagen und dergl. Beifolgendes wird Dich amüsieren. Und dem Pfarrer Schmelzer werden auch die vorsintflutlichen Tiere angehängt, für die doch die Gegend am Main das Vorbild liefern wollte. - - Für heut nur diesen kurzen Gruß und viel Liebes in treuem Gedenken. Laßt es Euch gut gehen.
<li. Rand>
Wie immer
Deine Käthe.