Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 17. September 1941 (Heidelberg)


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Heidelberg. 17. Sept. 1941.
Mein Liebstes,
ich weiß nicht, ob Du schon von Hermann die Nachricht hast, daß Dein Patensohn Heinz nun auch gefallen ist. Ich wußte es immer, daß es so kommen mußte und wie es bei den großen Verlusten auch wahrscheinlich war. Die Nachricht, die ich in Marienbad erhielt, war die letzte und meine Antwort hat ihn nicht mehr erreicht. Wo waren wir an jenem 25. August? War das der Nachmittag mit dem Wege über die Hohendorfer Höhe zum Steinbühl? Ich glaube wohl. Da traf ihn das tödliche Geschoß und am 26. ist er also gestorben. Hermann schreibt, daß der Major, dessen Adjutant er war, ihnen sehr persönlich und herzlich Nachricht gab. Von ihm hatte Heinz vor kurzem das E.K. I bekommen für vorbildlichen und unermüdlichen Einsatz. Nun ruht er von diesen unerhörten Leistungen. Ein Trost ist es, daß er nicht den Russen in die Hände fiel; davon hört man grauenvolle Einzelheiten. Er starb in einem deutschen Feldlazarett und ich hoffe, daß man ihm die Qual möglichst erleichtert. (Kennst Du das Gedicht von Walter Flex: "Leutnantsdienst"-?)
Wie mahnt dies alles an den Tod von Kurt. Auch Hermann beginnt seinen Brief mit dieser Erinnerung, wohl um mich nicht so stark mit
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| der Trauerkunde zu überfallen. Weißt Du noch, wie Du damals zu mir kamst? Das tat sehr wohl, wenn auch der Schmerz nicht leichter wird. Ich erinnere mich noch so deutlich an die Bank in der Aue an dem See, auf der wir saßen. Das ist 26 Jahre her und man ist unterdessen leidgewohnt worden. Es war nicht genug an den Schmerzen des großen Krieges, jetzt liegt es über uns noch viel, viel grausamer. Nun wird auch Heinz wie unser Kurt in russischer Erde liegen, für immer unerreichbar. Wo wird das Grab sein? Auf einer sehr ausführlichen Kriegskarte von damals suchte ich dies Frolowskoje Ljutka, aber ich fand nur einen Fluß Ljuta zwischen Peipus- und Ilmensee. Daran wird es wohl ein Dorf sein, denn die Gegend stimmt ja. Und das alles sind sie marschiert, Tag für Tag seit dem 19.VI. - durch unsern brieflichen Verkehr seit Kriegsbeginn sind Heinz und ich uns näher gekommen und nun ist auch das zu Ende. Ob es für ihn gut war, daß er nicht in die Schwierigkeiten des Alltags zurück mußte? Hermann schreibt, er sei sich bewußt gewesen, daß er ein Menschenleben des "Lebens wert" gehabt zu habe. Und jetzt scheidet er, ohne einen Abstieg gekannt zu haben; das ist wohl schön. - - -
Eben bläst die Sirene den Alarm ab. Über Mannheim war wieder ein starkes Kreuzfeuer von Scheinwerfern und platzenden Geschossen. Ich habe lange vom Fenster aus zugesehen.x [re. Rand] x (es war eine wundervoll milde, sternklare Nacht.) Ob auch Ihr um den Schlaf gekommen seid? Es fing schon vor 11 Uhr <li. Rand S. 2> an, jetzt ist es 1¼. - - Mein liebes Herz, ich bin sehr traurig, aber es ist ganz still in mir. Alles Gute ist nur geliehen, aber sein Glanz bleibt in unsrer Seele, und was wir lieben, gehört uns an für immer. - Und so gehören auch wir zu einander aus <li. Rand S. 1> schicksalshafter Bestimmung von Anbeginn. Und wir wollen dem Leben standhalten mit einander und für einander. Ich grüße Dich und Susanne, deren Brief mich sehr erfreute. In innigem Gedenken
Deine Käthe.