Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 27./28. September 1941 (Heidelberg)


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Heidelberg. 27. Sept. 1941
Mein geliebtes Herz!
Ihr habt mir alle beide so liebe Briefe geschrieben, die mir von Herzen wohlgetan haben. Es ist ja das Einzige, was in solchen Tagen zu einem spricht: ein liebevolles, verständnisvolles Wort. Wie gut, daß Ihr ihn auch gekannt habt, persönlich ja eigentlich mehr als ich, die ihn aus seinen Feldpostbriefen mehr nur erraten konnte. Aber manchmal gibt solch Erraten und - Erahnen ein wahres Bild. Gewiß, wenn das Schicksal anders gefallen wäre, hätte ich meine so lebhafte Sorge vergessen. Aber sie war nicht nur einmal, sie kam immer wieder und ich habe sie nur mit bestem Willen unterdrückt. Und ich habe leider ähnliche Erfahrungen schon mehrmals gemacht, sie gehören eigentlich zu meinem Weltbild. Aber ich lasse sie nicht Macht über mich gewinnen.
Die Hölderlin-Worte in der Anzeige - - ob sie Bezug haben zum letzten Beisammensein mit Heinz in Stolp? Hermann schrieb damals so etwas von einem schönen Beisammensein. Kurt hat damals auch in befreundetem Kreise gesagt: "Denkst Du denn, daß einer von uns meint, daß er wiederkommt?!"
Ich habe mir Hölderlins Gedichte wieder vorgeholt. Von ihm, dem jugendlich Begeisterten ist die Todes
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|bereitschaft ja zu verstehen, aber der Verzicht von Eltern für ihren Sohn? Es wird ihnen Tag für Tag mit neuem Schmerz abgerungen werden. Hermann selbst schrieb mir jetzt: ach, was haben wir verloren! -
Die andere Welt - ist sie nicht immer verhüllt auch [über der Zeile] schon in dieser? Ist sie nicht das Zeitlose, nach dem wir immer strebten? Nicht die Dauer ist es, sondern das Zeitüberlegene - und [über der Zeile] wir suchen den letzten Sinn. Aber wir kennen ihn nicht und nennen es: Vaterland! Ist das die - andere Welt, die Welt der Freiheit? Unser Glaube macht es dazu, und so meinst Du, wird auch Heinz gläubig gewesen sein. Denn die blinde Willkür der Götter im Lied der Parzen kann das letzte Wort nicht sein. Ganz besonders nicht im Angesicht dieses großen Sterbens. Sonst müßte man ja am Leben verzweifeln. Aber es ist nicht die sichtbare Welt, auf die wir vertrauen, sondern der göttliche Wille, den sie verhüllt.
Es scheint mir oft, als wäre uns das Leben dazu gegeben, um uns davon frei zu machen, innerlich frei, meine ich. Nicht immer haben wir dies sichere Gefühl des Eingebettetseins in eine sinnvolle Welt. Aber so verstehe ich auch das Goethesche: "Bis im Anschau'n ewiger Liebe wir verschweben, wir verschwinden." Ich war in Marienbad erstaunt, als Du Dich so energisch gegen meinen Versuch wendetest, Frl. Krogners rationalistem Denken die Möglichkeit geistiger Fortexistenz durch das Bild geheimnisvoller, alles durchdringende Naturkräfte näher zu bringen.
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Rösel Hecht sagte neulich: "wenn man nicht Kinder hätte, möchte man garnicht mehr leben". Aber das bleibt doch auch im irdischen Sinn - denn wofür leben die Kinder? - -
Ja, der letzte Tag in Marienbad war der letzte Lebenstag unsres Heinz; aber der 25., an dem wir über die Hohendorfer Höhe gingen, brachte ihm das tödliche Geschoß.
Ich habe teilnehmende Zeilen von Liselotte Heinrich bekommen, die die Anzeige in der Allgemeinen Zeitung las. Auch Anna Weise schrieb sehr lieb. Der älteste Sohn ihrer Tochter hatte voriges Jahr schon eine schwere Verwundung und nachfolgend 6 Operationen, aber trotzdem hat er keine Ruhe gegeben, bis er wieder hinaus kam. Er schrieb schließlich an seinen Oberst, das Regiment möchte ihn doch anfordern. - So sind die Deutschen. Das ist doch nicht nur Draufgängertum, das ist erprobte Treue. - -
Am nächsten Freitag soll nun endlich mein lange geplanter Besuch in Dielbach stattfinden. Hoffentlich hält das wundervolle Herbstwetter noch bis dahin an. Es ist solch reizvolle Beleuchtung jetzt immer, warme Sonne und zart verschleierte Ferne. Mir scheinen unsre Laubwälder ganz besonders schön und lieblich im Gegensatz zu den ersten Fichten in Marienbad. - - Ob Ihr wohl noch die schönen Herbsttage zu einigen Tagestouren benutzt habt?
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| Ich hoffe es sehr, denn der Winter wird noch lang und dunkel und ernst sein.
Mädi schrieb aus Stolp. Sie scheint vorläufig mit dem Jungen noch dort zu bleiben. Das ist gewiß für sie wohltuend, trotz des Leids, das sie dort teilt. In Berlin allein wäre sie recht verlassen und sie kann gewiß dort hülfreich sein. Sie erwähnte ganz besonders, wie tröstlich Dein Brief für Hermann und Hete war. So weißt Du immer das rechte Wort zu finden, denn es kommt aus dem Herzen. Aber das bedeutet auch viel Leiden und Mit-leiden. Ist es nicht so, daß wir gerade durch Leid den letzten Zielen näher kommen?
Ich grüße Dich innig und sage auch Susanne Dank für ihr liebes Schreiben, daß ich ein andermal beantworte. In immer gleicher Verbundenheit
Deine
Käthe.

Sonntag früh. Nachher werde ich mit Frl. Seidel irgendwo durch den Wald gehen und auswärts essen. Vielleicht in Waldfilsbach oder im Adler in Ziegelhausen.- Und für Donnerstag habe ich mit Hedwig Mathy verabredet, denn ich möchte gern noch etwas in freie Natur, ehe man wieder in kalte, verdunkelte Zimmer eingesperrt wird. Bei Kohlers wird Kartoffelernte sein, also kein eigentliches "Wandern".
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<Zettel, li. oben an S. 1 geheftet>
Durch Schillers alle Werke geht die Idee von Freiheit, und diese Idee nahm eine andere Gestalt an, so wie Schiller in seiner Kultur weiterging und selbst ein anderer wurde.
Goethe.