Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 26. Oktober 1941 (Heidelberg)


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Heidelberg. 26. Okt. 1941.
Mein liebes Herz!
Ein naßkalter Sonntagnachmittag soll nun endlich den längst fälligen Brief zeitigen. Warum er nicht rechtzeitig kam? Es gibt keine andre Erklärung als die, daß es Tage waren, "wie sie uns nicht gefallen". Seit über einer Woche plage ich mich mit einem starken Katarrh, der sich auch nachts als stellvertretender Alarm aufführt. Die Sache ist ja nicht schlimm, aber lästig und macht mich zu allem unlustig. - Da kam Deine Sendung des Bastader Vortrages sehr zur Zeit. Habe Dank! Es war mir ein lieber Nachklang der Marienbader Zeit und hat mich dem lähmenden Gleichmaß der Taage wieder entrückt. Auch heute war es meine Sonntagsfeier mit Dir dem Ergreifen und "Ergriffenwerden von letzter Lebensbedeutung" nachzugehen.
Auch Ihr werdet wohl heute kaum in freier Natur den Frieden suchen können, der unserm menschlichen Geschehen noch auf lange vorenthalten ist. Die Witterung hat entschieden winterlichen Charakter bekommen; im Oberland, sogar bis Ulm hin soll es schon geschneit haben, [über der Zeile] sagt Rösel Hecht, die recht erholt und befriedigt und von Velden am Wörther See zurückgekommen ist. Hinfahrt: Bodensee, Innsbruck Klagenfurth - Rückfahrt: Salzburg, München, Ulm. Das läßt sich hören, nicht
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| wahr? Sie hat auch eine recht günstige Jahreszeit dazu getroffen. Die Tochter Hanna ist von der Rudolf-Steiner-Schule in Dresden jetzt mit mehrere Freundinnen nach Oberstdorf in eine Art Landschule übergesiedelt, aber sie sind dort nicht in einem Internat. - Der Sohn Walter studiert also hier Medizin, ist Mitglied einer Kameradschaft, die eigentlich direkte Fortsetzung der Frankonen ist, und hat jetzt bis Weihnachten den Auftrag, eine Gruppe Hotellehrlinge zu überwachen, mit denen er mittags und abends zusammen sein soll, und die er um 9 Uhr zum Schlafen kommandiert. Es ist das so eine Fortsetzung der Tätigkeit als Führer der H.J., und er bekommt dafür im Monat =250 M.= Ob er da große pädoagogische Talente dabei entfaltet? - - Rösel hat mir auch noch Äpfel angeboten, also habe keine Sorge; ich komme nicht zu kurz, hatte auch von den Ziegelhäusern ⅓ für mich behalten. Ich freue mich aber besonders, wenn sie Euch gefallen und nützlich sind. Ebenso bin ich froh, daß mir der wohlwollende Drogist noch einmal Dextropur gegeben hat, das ich Dir gleich weiter schicke. (Ich bin noch versehen.) Mit den Zigarren geht es aber leider nicht so weiter. Vorige Woche gab es garnichts, und vorher absteigend immer kleineres Zeug. Und wer weiß, wie es sein mag? Es wird Deine Enthaltsamkeit wesentlich unterstützen, aber leid zut mirs doch. - Auch ich persönlich habe
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| ein paar Tage fortgesetzt Mißgeschick gehabt. Beim vorletzten Alarm stürzte eine sehr hübsche Pflanze, die ich noch von Adele habe, auf den Boden und nahm recht sichtbaren Schaden. Und ein andermal kippte der Hocker, auf dem ich stand, sodaß ich nur eilig heruntersprang und zwar auf die Schnur der elektrischen Lampe, deren Glasschirm dabei in tausend Stücke ging. Du weißt wohl, was das heute heißt? Aber ich habe doch noch Glück gehabt, nach 5 vergeblichen Anfragen bekam ich in einem en gros Geschäft doch noch einen passenden Schirm, nicht genau wie der frühere, aber beinah gefällt er mir besser. Alles in allem, mit der Birne, hat der Schmerz 2,81 M gekostet. - So gibt es doch auch immer wieder Lichtblicke. Dahin rechne ich vor allem liebe Briefe, wie ich gestern einen von Susanne bekam. Sage ihr doch, daß sie mir eine große Freude damit gemacht hat. - Auch Hilde Vogts und Hermanns Gisela - meine Patenkinder haben nett geschrieben. - Gisela war in Berlin als Lernschwester im Kinderkrankenhaus, will aber doch noch umsatteln und nach Hannover auf die Hochsschule für Lehrerinnen-Bildung gehen. -
Hermann wirst Du wohl nicht gesehen haben bei der Durchreise nach Göttingen? Da wird wohl die Familie ihn in Anspruch genommmen haben, denn
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| 3 Kinder, Irmgard, Dieter und Gisela waren zufällig auch alle da. - Wie hart wird für Hermann diese Reise nach Göttingen gewesen sein. Immer wieder steht vor mir die zwecklose Frage, ob unser Heinz nicht doch die Kraft zu einer Synthese für die Zukunft besessen hätte?
Ich freue mich, von Susanne zu hören, daß der Semesterbeginn Dir noch eine Zeit für Deine eigne Arbeit frei läßt. So wirst Du das Berlin-Manuskript vielleicht noch vorher unter Dach bringen? Es ist ja nicht anders möglich, als daß es auch bedeutungsvolles Licht auf die Gegenwart wirft. - Ich hatte Gelegenheit, zwei von den Predigten zu lesen, die neulich der kleine Scholz erwähnte. Sie berühren nur einen Ausschnitt dessen, was geschieht - aber mit dem Mut der Wahrhaftigkeit in den notwendigen Folgen gesehen, - und vertreten.
Etwas ganz Anderes war das Buch von Ina Seidel: "Unser Freund Peregrin". Das ist wirklich ein echtes Kunstwerk von zauberhafter Schönheit. Das Dunkle, Unbestimmte, Geheimnisvolle ist ganz fabelhaft fein zum Ausdruck gekommen, alles ist aufs innigste bedeutungsvoll verschlungen und doch wie zufällig an einander gereiht. Man fühlt das Gefährliche der Grenzphänomene, aber sie verknüpfen sich zu sinnvoll schöner Wirkung und lösen sich wie ein bedeutungsschwerer Traum. Es ist in keiner Weise eine Deutung oder gar Erklärung versucht, sondern alles nur wie ein reiches Erlebnis erzählt. - Und ist es nicht so, daß das Tiefste im Leben Geheimnis bleibt, das sich nur in glücklichen Augenblicken <li. Rand> offenbart? Wohl uns, wenn wir die leise Stimme vernehmen und sie uns Geborgenheit in allen Stürmen gibt. - Ich grüße Dich innig.
Deine Käthe.

[li. Rand S. 3] Wodurch hat sich der Briefwechsel mit der jungen Darmstädterin angeknüpft? In der Künstlerkolonie waren wir einmal, da ist echter Jugedstil. -