Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 6./9. November 1941 (Heidelberg)


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Heidelberg. 6. Nov. 1941.
Mein geliebtes Herz!
Es ist mir, als hätte ich Dir sehr lange nicht geschrieben, das kommt wohl von der Einförmigkeit meiner Tage, da verliert man den Maßstab für die Zeit. - Am Mittwoch gedachte ich Dein in der Stille, später kam überraschend Gertrud Kohler. Überhaupt ist die Fürsorge meiner Freunde unermüdlich, sodaß ich bisher noch nicht genötigt war, aus dem Hause zu gehen. Allerlei Zusatz: Milch, Butter, Eier - natürlich in kriegsgemäßer Menge, wird mir ins Haus gebracht und wenn es nach dem Appetit ginge, könnte ich für gesund erklärt werden. Aber ganz normal ist es doch nicht und der Husten hört nicht auf.
Leider ist noch garkeine Strebsamkeit da, und wenn ich das Nötigste im Hause aufgeräumt und gekocht habe, sind die Kräfte zuende. Am liebsten liege ich still und
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| lese, nämlich Wilhelm Meister. Zuerst im Anschluß an Flitner die Wanderjahre, dann mitten, dann vorn durcheinander - - und jetzt ganz gewissenhaft und pünktlich noch einmal im ganzen. Es wird mir allmälig immer lebendiger und einheitlicher. Die verwirrende Fülle der Personen und Namen ist garnicht so groß, wie es mir sonst erschien, und jetzt sind sie mir beinah alle wirklich bekannt, und ich erkenne ihre Beziehung zum Ganzen, wo mir früher nur buntes Gewimmel erschien; dazwischen gestreut allerlei einsichtige Betrachtungen. Jetzt habe ich gelernt, die Standpunkte dahinter zu sehen, und selbst die geheimnisvolle Einwirkung auf Wilhelms Schicksal hat mir an mystischer Seltsamkeit verloren. Und außerdem - welch eine Fülle menschlich wahrer Züge, welch schlichte, unverfälschte Natur. Es gibt Stellen, die aus dem Leben von heute gegriffen zu sein scheinen und man kann sich dabei vorstellen, welcher Art die Erlebnisse waren, die der Dichter zu solchen Urteilen über das Leben veranlaßten.

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9. Nov. 41.
Nun ist also wieder Sonntag geworden, ehe der Brief fortgesetzt wird. Gestern habe ich zum erstenmal wieder den Weg ins Dorf selbst gemacht und mußte ihn sogar nachmittags wiederholen, da der Bäcker den Auftrag vergaß. Und ebenso ists nun mit den hülfreichen Nachbarn; es ist jetzt an der Zeit, wieder selbständig zu werden, denn es hat jeder mit sich genug zu tun. - Sehr zur Besserung hat mir die Freude über Deinen lieben Brief geholfen, denn so ein liebes Wort ist doch das beste Heilmittel. Abgesehen davon habe ich aber [über der Zeile] wirklich nur noch hin und wieder einen Hustenanfall, der sich nicht mehr zum Krampf steigert. Ein Vorzug ist es, daß ich ausreichend "benarien" kann, sodaß der Magen intakt bleibt.
Heute habe ich recht sehnsüchtig hinauf gesehen nach der wundervollen Wald
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|färbung unter dem klarblauen Himmel, es glühte nur so im strahlenden Sonnenschein. Aber ich habe mich begnügt, nur ins Nachbarhaus zu gehen, um die Mozartübertragung im Rundfunk zu hören. Es waren Gmoll und Edur Symphonie - sehr schön, nur etwas zu gedrängt, um in 1 Stunde fertig zu werden. Der Einführende sprach von der ersteren als "einem Gespräch mit dem Tode" - - aber es scheint mir, als ob Mozart ebenso wenig wie Goethe eine Sprache für das Tragische des Lebens hätte. Es ist wohl ernst, schmerzlich, aber immer gleich wieder gelöst. Und ich lerne immer mehr verstehen, was Goethes Empfinden von der Musik Beethovens und der Wesenart Schillers trennte.
Das Verstehen des Lebens - es kommt mir immer wieder und überall durch Dich. Was ich oftmals nur dunkel fühle, das weißt Du
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| sinnvoll zu deuten. Wie gern spräche ich über so manches mit Dir, was mir bei der Lektüre als merkwürdig vorausdeutend auffiel. Manchmal ist es, als hätte die Entwicklung [über der Zeile] die dort vorgezeichneten Formen angenommen, aber ohne deren Sinn. Wo bleibt in der pädagogischen Provinz die Kirche? - ? -
- Heute hatte sich Dr. Henning mal wieder angemeldet, falls er nicht noch ein Billet zum Fidelio bekäme. Zur bestimmten Zeit klingelt es, aber es war nur eine Anfrage von relativ fremder Seite nach meiner Tätigkeit. So bin ich wieder den ganzen Tag still für mich gewesen und ich genieße das recht im Gegensatz zu der Unruhe sonst durch die vielen Stadtbesuche. -
Daß Ihr in Leipzig alles so recht nach Wunsch erledigen konntet, freut mich herzlich. Ich weiß noch so genau, wie ich
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| 1911 vom einfahrenden Zuge Dich am Fenster des andern ankommenden stehen sah. So sind die Begegnungen des Lebens. Man findet sich über Raum und Zeit hinweg durch den Zug des Herzens. -
Gestern wird Susanne meinen Brief bekommen haben (d. h. gestern, wenn dieser Brief ankommt!), und ich bin begierig, wie lange die Äpfel brauchen werden. Sie stammen aus dem Oberland, woher Rösel sie bezogen hat. So ist sie, immer hülfsbereit, aber zuweilen recht schlechter Stimmung.
Nur 3 ganz kleine Zigarren habe ich im Haus, und da ich eben doch durch gutes Befinden keine "produzieren" kann, muß ich jetzt sehen, wieder zu "Volk" zu kommen. Es ist auch sonst immer etwas in der Stadt zu erledigen, Schuhe ausbessern etc. - -
Und nun hoffe ich, das rauhe Wetter hat Dir keine Erkältung angehängt und Du kannst freudig arbeiten. Sei innig gegrüßt.
Deine
Käthe.

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P.skr.  Hier spricht alles über eine sonderbare Rede von Kriek: "es sei keine Kultur mehr u. die Universität sei ruiniert, die Pädagogik auf einem Tiefstand wie noch nie etc. - -"
Er macht den Eindruck als hätte er das Gegenteil von dem gesagt, was er meint. Ob er verrückt ist??