Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 18. November 1941 (Heidelberg)


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Heidelberg. 18. Nov. 1941.
Mein liebes Herz!
Morgen also beginnt das Semester, bis wann soll es denn dauern? Wie wirst Du denn Deine Vorlesung darin unterbringen? - Es war mir eine große Freude, gestern früh Deinen lieben Brief zu erhalten. Und gestern habe ich auch die Wandtafel abgeliefert, froh die Beengung aus meinem Zimmer und meinem Gewissen zu bekommen. Ich war dann auch wieder vergeblich bei Herrn Volk, wo mir die Frau Zigaretten zusteckte; aber die kannst Du ja wohl nicht brauchen? Bitte, schreibe es mir doch! - Am Sonntag war Dr. Henning zum Kaffee bei mir; in heller Verzweiflung weil sein Dienstmädchen ihn Knall und Fall verlassen hat, um zu heiraten. Da eine Bekannte von mir (Frl. Schupp) kürzlich auch Dienstbotenwechsel hatte und allerlei Beziehung dabei gewann, fuhr ich gleich noch gegen Abend zu ihr und kam dabei auch in einen gehörigen Sturm. Es war aber nicht kalt und ich dick angezogen, so hat mirs nichts ausgemacht. Überhaupt war es bei uns nicht entfernt so abscheulich wie bei Euch. Es gab viel kalten Wind, der sich streckenweise zum Sturm steigerte, manchmal auch eine Nacht durch, aber es war nur immer um den Gefrierpunkt herum oder höher. Vorher im Oktober hatten wir schon einmal dicken Schnee, der auch über einen Tag liegen blieb, aber der war ganz still gefallen. Dabei waren die Bäume noch dicht belaubt in wundervollen Herbstfarben und noch jetzt ist längst nicht alles kahl. - Über mein Befinden brauchst Du Dir absolut
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| keine Sorge zu machen, es geht mir bis auf gelegentlichen Husten gut. Da wäre vermutlich umgekehrt viel mehr Ursache. Denn es bekümmert mich, daß Du wieder die Ungemütlichkeit hast, Dein Arbeitszimmer räumen zu müssen. Demnach hat die Reklamation wegen der Kohlen nicht geholfen. Überhaupt scheint in allem und jedem Berlin recht stiefmütterlich behandelt zu werden, und ich bin nur froh, daß ich Euch wenigstens die wenigen kommunen Äpfel schicken konnte. Ich habe auch noch welche, Du kannst darüber ruhig sein. Und Kartoffeln habe ich auch 1½ Ctr., bei Buttmis im Keller. An all solche Umstellung der Wirtschaft muß man sich eben gewöhnen. Ich hatte auch nie einen Vorrat sonst, sondern kaufte nach Bedarf. Wie wird das denn bei Euch? - Was Du im Anschluß an den Chinesen von menschlichen Schicksalen schreibst, bewegt auch hier die Gemüter sehr. Marie Clauß und Maas haben natürlich mit entsprechenden Stellen verhandelt; aber sie haben eben solche Beziehungen, sodaß sie helfen können.
In Wilhelm Meister habe ich mich richtig hineingelebt; aber ich kann doch noch nicht sagen, daß ich es wirklich kenne. Ich weiß gewiß, daß ich noch immer Neues finden würde. Seltsam ist mir, wie manche Erscheinungen von heute wie seelenlose Ausführung Goethescher Theorien anmuten. - Mein besonderes Wohlgefallen haben auch die beiden Naturkinder Friedrich und Philine. Sie sind entschieden mit Neigung geschildert. - Aber wie alt dieser Felix eigentlich sein soll, daraus werde ich nicht klug, die Schilderung ist sehr schwankend. -
Nach dem O. J. Hartmann werde ich Rösel fragen, aber es ist schon lange her, daß sie studierte. - Hast Du wohl mal was von dem hiesigen Richard Benz gelesen? Ich glaube von Adele bekam ich ein Büchlein "Goethe als Begleiter" mit einer sehr hübschen Einführung von ihm. Sehr angenehm sind darin die Quellenangaben der Citatensammlung. - Von Deinem Bastadter Vortrag habe ich mir 3 Exemplare bestellt. Das gibt erfreuliche <li. Rand > Geschenke; denn was kann man sonst kaufen?! Das meiste ist gerade ausverkauft.
<li. Rand S. 1> Sei innig gegrüßt und sorge für Deine Gesundheit. Hoffentlich ist es bei Euch jetzt auch milder geworden. Herzliche Grüße auch an Susanne und warme Wünsche für Euch beide von
Deiner Käthe

[Fuß S. 1] Bei Ruges ist das 3. Enkelkind gekommen: Klaus Hermann Vogts.