Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 28./30. November 1941 (Heidelberg)


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Heidelberg. 28. November 1941.
Mein geliebtes Herz!
So gern hatte ich diesmal wieder pünktlich zum Sonntag da sein wollen, aber es ging nicht. Gestern und heute habe ich vor- und nachmittags für die Augenklinik gezeichnet. Es war [über der Zeile] ein Patient das Opfer, eine Betriebsfürsorgerin der Firma Lanz. Sie hat ein übles Hornhautgeschwür, und es war ein schlechtes Arbeiten, denn trotz bester Absicht konnte sie das Auge weder stillhalten, noch richtig aufmachen. Aber ich habe mir dabei von ihrem interessanten Beruf erzählen lassen; er hat augenblicklich noch ganz besondere Schwierigkeiten. Sehr unangenehm und anspruchsvoll sind die Italiener, und von den andern lieben Bundesgenossen sind die Tschechen am faulsten.
Aber nun will ich Dir doch wenigstens zuerst sehr herzlich danken für die W.Fr. und die hübsche Form des Goethevortrags. Ich hatte ihn mir für 1,25 M 3x
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| als Oktoberheft vom "Geist der Zeit" kommen lassen. Ist dies Heft der Goethe-Gesellschaft auch käuflich? -
Es ist schon 9 Uhr und ich bin recht müde, denn "mit mir ist nicht viel los". Es strengt mich alles immer gleich an. Dabei leiste ich ja sonst garnichts und es bleibt oft recht dringende Arbeit liegen. Zweimal war ich abends aus, bei Frau Franz (Mathy) und Tochter Gretel, der Pianistin, und bei Frau Buttmi, die eine Kriegergattin dazu eingeladen hatte. Beides war erfreulich, wenn auch bei einem Teil die Sympathie mehr im Menschlichen und beim andern mehr in den Überzeugungen beruhte. Bei letzteren erfährt man immer allerlei Interessantes, allerdings meist wenig erfreulich. - Rösel habe ich in der ganzen Zeit nicht gesehen. Ich konnte daher noch nicht nach dem Prof. O. J. Hartmann fragen. Daß Du den Storchenvater zum Nachbar hattest, war ja nett. Ich hatte schon gehört, daß Kassel infolge dieser Fabrik sehr
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| beliebtes Fliegerziel sei. Aber ich habe immer geglaubt, es hieße Fieseler-Storch? Wie der Typ eigentlich aussieht, weiß ich allerdings nicht.
Auch ich schreibe heute an ungewohnter Stelle, in der Wohnküche, denn im andern Zimmer ist allerlei Malkram. Mein Husten ist zu 90% vorbei, aber bei Staub und rauhem Wind meldet er sich immer wieder. Trotzdem muß man eben ausgehen, denn die Dinge kommen nicht zu einem. Wir hatten schon seit geraumer Zeit ungestörte Nächte, das ist sehr wohltuend. Aber gestern war Vor-Alarm, schon bald nachdem ich aus der Klinik kam. Ich möchte nicht gern mal nachts in der Stadt festgehalten werden, darum bin ich nie mehr in Conzert oder Vortrag gegangen. Beim Volk hatte ich mal wieder einen ganz kleinen Erfolg, aber Schicken lohnt sich noch nicht. An alten Rohrbacher Bauernscheunen hängen die Ketten der gebündelten Stinkadorerinfamie - wann wird der
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| denn mal in Aktion treten?
Meine Lektüre in schlaflosen Nachtstunden waren die Briefe von Goethe an Frau von Stein aus Italien, die die G. Gesellschaft herausgegeben hat. Sie sind psychologisch ungemein anziehend. - -
Heute kam Anzeige, daß bei Wolfgang Hennings ein Sohn Rudolf geboren ist. Wie hätte das Adele erfreut! - Und gestern hatte ich einen sehr lieben Brief von Hermann, der von Dir erfuhr, daß ich Katarrh hatte. Mit Deinem Schreiben und Deinem treuen Gedenken hast Du ihm sehr wohlgetan. Zu Weihnachten hoffen sie alle 4 Töchter um sich zu haben; Dieter wird wahrscheinlich erst später kommen können. - -

Am Sonntag./ Da fielen mir neulich die Augen zu und ich wollte am nächsten Morgen weiter schreiben. Da mußte ich ins Dorf, aufräumen und kochen, so ging der Vormittag hin. Und nach Tisch mußte ein Korb mit Gemüse gepackt werden für Ruges, den
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| ich dann zur Bahn brachte, nach einem Abstecher zum Vorstand und kurzem Besuch bei Heinrichs war es dann Zeit das Abendbrot zu richten, Geschirr zu spülen nach dem Essen und - nach 10 Uhr - sehr müde ins Bett zu gehen. So fließen die Tage dahin für nichts.
Für Weihnachten habe ich garkeine Gedanken. Es gibt ja nichts zu kaufen, was für mich erschwinglich wäre, und Nutzloses zu kaufen widerstrebt mir. Es war sonst immer eine so freudige Zeit des Ausdenkens und Vorbereitens.
Heute nacht war ich wieder eine Stunde wach und fand im Briefe an Herder die Stelle über den historischen Sinn, der ihm in Rom aufgeht: "so wird man ein Mitgenosse der großen Rathschlüsse des Schicksals". Das ist es, was man heute auch anstrebt im Anblick der Weltgeschichte, die vor unsern Augen gemacht wird. Können wir mit
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| unserm menschlichen fühlenden und moralischen Sinn überhaupt einen Maßstab gewinnen für das Geschehen, das sich vor uns abspielt? Machen es Menschen oder macht "es" sich? Wir können doch nicht anders als ein sittliches Urteil zu gewinnen suchen und alles, was diesen letzten Sinn verletzt, scheint uns den Keim der Vernichtung in sich zu tragen. Sehen wir nicht die Zeichen sich mehren?
Heut ist ein frostig sonniger Tag, noch jetzt um ½ 11 Uhr nur 1° plus am Westfenster. Ich habe mir seit längerem die Sonntage frei gehalten, und genieße es, still zuhause zu sein. Der Vorstand versucht immer wieder sie mir abzuhandeln, aber ich bleibe fest, bin ich doch in der Woche oft genug bei ihr. Nachher werde ich wieder zur Mozart-Musik gehen und darum endlich diesen Brief schließen. Ich wüßte noch manches, was man besprechen sollte, aber es geht so schlecht schriftlich.
Grüße Susanne und sei selbst innig gegrüßt von
Deiner Käthe.