Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 8./9. Dezember 1941 (Heidelberg)


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Heidelberg. 8. Dez. 41.
Mein Liebstes,
wie kam es nur, daß Du meinen letzten Brief beantwortet hast, ehe Du ihn bekamst? Ich habe immer wieder gezweifelt, ob Du ihn schon hattest, aber es ist ja unmöglich. Umso mehr hat er mich erfreut, auch durch seinen guten Inhalt. Daß das Gefühl Deiner Wirksamkeit Dir leben hilft und daß Du einen Menschen lieb gewonnen hast, der Dir Freund sein kann - wie schön ist das! Es ist ein starker und sicherer Grund, auf dem in späteren Jahren solche Freundschaft wächst. -
Es ist erstaunlich, wie viel Geselligkeit immer noch bei Euch herrscht. Ist das alles jetzt ohne Bewirtung? Denn woher soll man jetzt das noch aufbringen, wenn man keine heimlichen Hilfsquellen hat! Desto reichlicher fließen bei Euch die geistigen!
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| Davon ist natürlich bei uns nicht viel, weil ich es wohl auch nicht genug aufsuche. Aber einen sehr großen Eindruck hatte ich gestern durch eine vorzügliche Aufführung des Mozartschen Requiems. Ich hatte mich ganz kurz entschlossen, da es schon nachmittags war und ich noch bei schwachem Licht um ¾ 7 zu Haus sein konnte. Welch eine Kraft zu überwinden und zu verklären hat dieser Mann aus seinem katholischen Glauben geschöpft. Selbst der tiefste Schmerz hat noch einen Klang der Versöhnung. Und das alles hört man mit Bedeutung weit über das Persönliche hinaus. : "Der Du die Sünden der Welt trägst, erbarme Dich unser" - - aber wo wird Erbarmen sein in diesem Weltbrand?
Wird der Chinese einen Boden finden, seinen Fröbelsamen auszustreuen? Und wie steht es mit den Japanern, die noch in
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| Deutschland sind? Wovon leben sie? Wir sahen doch in Marienbad, daß sie es nicht knapp hatten. - - Hat Litt sich literarisch vergangen? - Von Susannes Neffen ist nie mehr die Rede; habt Ihr gute Nachricht? Auch von Ruges und Mädi habe ich lange nichts über die Soldaten gehört, während Hermann schrieb, daß ihr Dieter vom 4.-12. in Urlaub käme. Ich fürchte immer, dann kommt er auch in den Osten.
Endlich habe ich auch mal Rösel nach dem Hartmann gefragt, der ihr als Schriftsteller bekannt ist. Es war aber so zwischen Tür und Angel, daß ich nicht weiß, was sie von ihm kennt, und ob sie etwas besitzt. Er sei Jurist. - Eine Redensart meines Vaters war, daß man "bei der Wahl seiner Eltern nicht vorsichtig genug sein könne", es war also schon damals eine bekannte Tatsache!! Aber ich weiß
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| wohl, man kann das nicht mit einem Scherz abtun; Und bei der Vorstellung des immerwährenden geistigen Flutens und Gestaltens hören schließlich unsre Vorstellungen von Raum und Zeit und Kausalität auf. Aber mir kommt doch bei der Sache manches recht überspitzt vor, vielleicht weil die Möglichkeit der Mitteilung nicht ausreicht. Können wir doch nicht einmal für die Realitäten immer die geeigneten Worte finden: - - - -
Ich darf nicht vergessen, Dir mitzuteilen, daß ich die sehr hübsche Kerschensteiner-Biographie schon von Dir bekam. Ich wünsche mir von Dir eigentlich nur Deinen Schiller-Vortrag, der hoffentlich bis dahin gedruckt sein wird. Wozu soll man sich den Kopf zerbrechen für ein Geschenk - das Schönste ist doch, daß man sich angehört und das ist eine immer neue Gabe des Himmels! -
Ich grüße Susanne und Dich herzlich. Ist Eur Schnupfen vorbei? Hoffentlich seid Ihr damit flinker fertig als ich es war. <li. Rand> Aber jetzt ist der Husten weg und die Arbeit in der Klinik fertig. <Kopf> Es regnet und friert, also vermutlich morgen Glatteis. Da gehe ich nicht aus! - Von Herzen
Deine Käthe

<Fuß S. 2> 9.XII.
Leider blieb der Brief heute liegen - so kommt er erst am Mittwoch zur Post! Verzeih, ich wurde im Weggehen durch Besuch gestört und hier geht keine Post mehr ab heut abend.