Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 15. Dezember 1941 (Heidelberg)


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Heidelberg. 15. Dez. 1941.
Mein geliebtes Herz!
Die Unpünktlichkeit ist so eingerissen, daß ich entschieden mit dem neuen Jahr einen andern Lebenswandel einführen muß. Diesmal ist es das "Päckchenmachen", was mich am rechtzeitigen Schreiben hinderte. Dabei sind es ja nur wenige, und in den wenigen ist ungeheuer wenig drin. Aber umso mehr Mühe hatte man erst mit dem Überlegen und dann mit dem Zusammentragen! - Auch an Euch geht morgen ein kleines Kästchen, das in der Hauptsache viel Liebe enthält, aber die sieht man nicht, die muß man herausfühlen.
Von mir zu berichten habe ich eigentlich garnichts. Was uns alle bewegt, darüber brauchen wir nicht zu sprechen. - Eine Karte von Gertrud Kohler sagt, daß Otto "noch" zu Hause ist. Sie laden mich übers Fest ein, vermutlich, weil sie meinen, ich sei durch Adeles Tod vereinsamt. Aber ich bin schon am 1. Feiertag zu Schoepffers gebeten, und am Heiligen Abend bin ich seit Jahren sehr gern für mich. Die Leute denken immer, Alleinsein sei schmerzlich, aber ich bin garnicht sentimental und das, was unaufhörlich auf uns lastet, das verläßt einen auch in netter Gesellschaft nicht. Im Gegenteil, ist in solcher Stunde
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| stille Besinnlichkeit wohltuender, als gesellschaftliche Rücksichtnahme. - Am 23. denke ich mir den Vorstand vormittags zu holen und sie dann bei noch gutem Licht heimzubringen.
Wie mag am 13. Euer Altertumsverein verlaufen sein? Ich bin gespannt.
Von Ruges und Mädi hatte ich liebe, ausführliche Briefe. Sehr amüsant ist das allgemeine Mißfallen an der Außenseite des neuen Enkelkindes Klaus Vogts. Er muß wirklich geradezu ein kleines Scheusal sein. Das arme Kind wird vielleicht noch ihr Schönster! Aber der Charakter wird schon gelobt: er schreit fast garnicht!! Du wirst das als einen Fortschritt in der Familienentwicklung zur Kenntnis nehmen. - Mädi ist augenblicklich in Berlin, geht aber zum Fest zu den Schwiegereltern. Sie und Ruges sind sehr befriedigt von einer Gemüsesendung, die ich schickte. Ihr habt wohl keinen Bedarf?
Es ist durchweg mildes Tauwetter wie im März, nur ist noch nichts zu tauen. Der Himmel weint wohl nur über so viel menschliches Elend.
Möge es Euch nach Wunsch gehen und weiter die nächtlichen Störungen ausbleiben. Werden die Kohlen nun etwas weiter reichen? Aber vermutlich wird der Winter lang, wenn Weihnachten so milde ist. Hier bekommen die Leute reichlich Koks, dafür umso knapper ist die Kohlenversorgung. Grüße Susanne und sei selbst gegrüßt von
Deiner
Käthe.