Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 28./29. Dezember 1941 (Heidelberg)


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Mein geliebtes Herz!
Nach einem sehr behaglichen Zusammensein mit Rösel bei gutem Kaffee und Dielbacher Stolle bin ich nun wieder allein in meinem Stübchen und da habe ich endlich auch die innere Ruhe, Dir zu schreiben. In Dankbarkeit Deiner gedacht habe ich täglich, und habe mich gefreut an Euren lieben Gaben und Briefen. Daß Du mir noch einmal direkt zum Fest schriebst, war mir ein ganz besonders beglückendes Geschenk. Es ist gut, daß man die Fähigkeit hat, solches Erleben für Stunden ganz getrennt vom übrigen Weltlauf in sich wirken zu lassen. Denn sonst müßte man ja in der hoffnungslosen Wirklichkeit erstarren, wie beim Anblick des Medusenhauptes.
Ich habe angefangen die große Schillerschrift zu lesen und mich von der wundervollen, durchsichtigen Klarheit Deiner Gedankenentwicklung führen zu lassen. Wie fühlt man von vornherein die große Spannung in den Anlagen dieser Natur durch. - Und auch in die Goethe-Marianne-Studie habe ich mich etwas hineingelesen; anfangs mit Widerstreben, denn es ist mir eigentlich gegen das Gefühl, so die tiefsten Regungen der Menschenseele öffentlich
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| verhandelt zu sehen. Genügt es nicht, die unmittelbaren Zeugnisse getreu mitzuteilen und dem verständnisvollen Leser zu überlassen, was er mitfühlend zwischen den Zeilen zu lesen versteht?
Aber vielleicht ist das eine zu große Empfindlichkeit von mir. Jedenfalls finde ich es etwas andres, wenn es sich um die Durchleuchtung einer Gesamtkonstitution handelt, als wenn eine tiefe, halb verschwiegene Episode zergliedert wird. Aber ich muß wohl erst einmal sehen, was für Resultate er damit erreicht; wenigstens ist seine Einstellung nicht verletzend.
In eigentümlicher Weise erinnert mich dies an das Geschenk, das Du mir Weihnachten 1914 gabst: die Briefe von Caroline und Dorothea Schlegel. Damals scheiterte ich schon an der Einleitung weil meine eigne erschütterte und wunde Seele davon zu tief berührt wurde. Merkwürdiger Weise habe ich gerade vor kurzem dieses Buch zur Hand genommen und konnte mich jetzt verständnisvoll der Treue der Dorothea und der überraschenden Grazie der Caroline erfreuen. In welch einer stürmischen Welt haben auch sie damals gelebt! Aber - - doch ich will mich nicht in Vergleiche einlassen, sie könnten vielleicht Dimensionen und Wesensart verkennen. Sind wir doch schon geneigt,
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| den Weltkrieg im grundsätzlichen Gegensatz zum heutigen Geschehen zu empfinden.
Also laß mich zum Bericht des täglich Kleinen übergehen. Am 23. war Glatteis und der Vorstand konnte nicht kommen. Statt dessen suchte ich sie nachmittags auf. Am 24. war ich hier in der Dorfkirche zur Abendandacht, die mich - wie Euch! - nicht tiefer berührte. Nachher saß ich still bei dem schönen geschmückten Tannenzweig zu Haus und ließ all die Liebe auf mich wirken, die mir so reich von allen Seiten in Briefen und Päckchen geschenkt wurde. Mancherlei Gedrucktes ist wieder dabei, so freue ich mich auch auf das Büchlein von Susanne über Straßburg. Doch werde ich ihr noch selbst dafür und für den lieben Brief danken - wenn auch nicht heute. - Am ersten Feiertag war das Festessen bei Schoepffers mit einer Gans, und wie immer ein behagliches Zusammensein in einem feinsinnigen Hause. Gegen Abend ging ich dann noch zu Heinrichs, mit denen sich die Beziehung recht herzlich und warm gestaltet hat.
Am 2. Feiertag war ich im Gottesdienst bei Pfarrer Maas, der davon sprach, daß die Heilsbotschaft zu den armen Hirten gekommen sei und nicht zu den Mächtigen der Erde. Die ganze Weihnachtsge
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|schichte sei nur ein Bild, durch das etwas Höheres hindurch scheine, denn die Hirten glaubten was ihnen der Engel verkündet hatte und "Maria behielt alle diese Worte, und bewegte sie in ihrem Herzen". - Rösel erzählte von der Andacht in der katholischen Kirche, wo der jubelnde Gesang von der Botschaft des Heils sie tief ergriffen hat. Sie haben eben eine unübertroffene Erfahrung in der Wahl ihrer Mittel. Zu erzählen wußte sie mancherlei, wie man es auch von andern Seiten hört, wie es das Gesamtbild ja nicht ändert, nur noch stärkere Lichter aufsetzt. Von dem Neffen in Afrika fehlt seit November jede Nachricht und die Päckchen kommen zurück. Aber nur deshalb, weil dorthin nichts befördert wurde. Es ist nicht notwendig der Grund wie bei meinem Marienbader Brief an Heinz.
Für heute will ich diesen Brief schließen mit innigen Wünschen für alle, die für uns vor dem Feinde stehen und für alle, die wir in der Heimat lieben. Zu Sylvester hoffe ich in Dielbach zu sein und von dort - wie immer mit meinem ganzen Herzen Dein gedenkend - Euch meine guten Wünsche durch die Stille der Mitternacht zu senden. Ist es nicht seltsam, wie alle persönlichen Wünsche immer mehr zurücktreten und wie nur die Gewißheit der Liebe lebendig bleibt? Ja, möge kommen, was da kommen muß, es kann den Lebensglauben nicht erschüttern, den Du mir gabst.

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Am 29. morgens.
Nun muß ich doch noch einen kleinen Nachtrag schreiben, ehe ich in die Stadt fahre und den Brief in die Hauptpost mitnehme. Jedenfalls werde ich diesmal für die Nachsendung alle erdenkliche Vorsorge treffen!
Ich habe noch nicht geschrieben, daß nun auch die Tochter von Weinel Witwe geworden ist. Sie hat ein Töchterchen von 2½ Jahren. Ich erfuhr es von einer Dame, die den Gatten in Quartier gehabt hatte und nahe mit ihm befreundet blieb. Sie ist auch Pfarrersfrau und wohnt ganz in meiner Nähe! - Den Tod von Frau Arnthal hörte ich von ihrer Cousine in der Elektrischen, die recht sentimental von Lungenentzündung sprach. Ich kann mir aber denken, daß es eine gute Lösung war.
Dann noch: das Büchlein von Benz! Es ist zwar verwerflich, aber ich habe es gelesen, und fand den Anfang interessant, aber es scheint mir als wenn es nicht sehr in die Tiefe ginge, es bleibt an der Erscheinung haften. Störend war mir der Gebrauch biblischer Worte bei der Charakterisierung Beethovens.
Aber nun muß ich fort, darum nur viele viele Grüße und Wünsche. Innig
Deine
Käthe.