Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 18. Januar 1942 (Berlin)


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Sonntag, 18.I.42 abends.
Mein innig Geliebtes!
Hiermit beginne ich die 22. Postsache dieses Sonntags, an dem ich endlich all das Liegengebliebene aufzuarbeiten anfangen muß. Denn eine Schreibhilfe für das Geschäftliche habe ich seit dem 19.XII. nicht mehr, weil im Hause von Frau Rosen Scharlach ist. Ich will Dich das aber nicht entgelten lassen, sondern Dir großmütig die 23. Stelle einräumen.
Heute kam Dein lieber Brief mit den trüben Nachrichten aus Dielbach. Ich sollte meinen, in einer Stadt wie Heidelberg wäre immer noch eine Behandlungschance. Gibt es nicht einen Drüsenspezialisten? oder käme hier Kardiazolbehandlung in Betracht? Welcher Name wird denn dem Leiden, das sich so plötzlich ins Stürmische verwandelt hat, gegeben? Ist es jugendliche Schizophrenie? Dann allerdings weiß man wohl keinen Rat. Ich beklage es auch, daß die Tage, die Dir wohltun
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| sollten, in ein Haus der Besorgnis geführt haben. Aber wenn wir älter sind, ist es uns auch ein Bedürfnis, das Leid unserer Freunde zu teilen, weil wir selbst wissen, daß das echte Leben leidvoll ist.
Der " Benz" ist nur unter der Rubrik Weihnachtsbücher erwähnt worden, konnte aber leider noch nicht gelesen werden (auch weil mir die Dreigliederung verfehlt schien.) Ich habe 2 Romane von Bergengruen: "der Großtyrann" und "am Himmel wie auf Erden" mit mehr psychologischem als poetischem Interesse gelesen. Jetzt bin ich beim entgegengesetzten Extrem: Carossas neuem Buch, das gar kein sachliches, sondern nur ein poetisches Interesse hat. Den Benz haben wir für einen Vortrag in der hiesigen Goethe-Gesellschaft für Februar auf der Liste. Schon aus diesem Grunde kommt sein Musikbuch bald an die Reihe. Bitte betrachte meine notgedrungene Leseökonomie nicht als Undankbarkeit gegen Dich als Geberin.
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Mein Bericht über die Anfänge von 1942 soll an den Vortrag über Schiller anknüpfen, den ich heute vor 8 Tagen in meiner Goethe-Gesellschaft im Harnackhause gehalten habe, (eine gegenüber Leipzig nur wenig veränderte Fassung.) Es waren etwa 350 Zuhörer da, die z. T. standen, ein sehr geistiges Publikum (z. B. Kayßler, der Bischof Heckel, der Krankenhausdirektor Munk und viele, viele Freunde bis zu Helene Schulze von der Knauerschen Schule 1907 hin). Der Eindruck des sehr schweren Vortrages muß besonders tief gewesen sein. Berlin redet noch[über dem o] a 1 Woche noch davon. - Wir blieben zum Eintopfessen in kleinem Kreise im Harnackhause (u. a. Hedwig Koch), und fuhren dann nach Potsdam, wo wir mit den Eltern und Sabine Honig ein stilles und harmonisches Zusammensein hatten, in das natürlich die Sorge von Osten her ihre Schatten warf.
Am nächsten Abend kam durchs Telephon die Nachricht daß der jüngere Sohn von Honig, der Stiefsohn von Jenny, der (Berufs)leutnant Werner, schon am
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| 30.XII. in der Richtung auf Moskau gefallen ist. Susanne nahm es mit ihrer gewohnten Schmerzbemeisterung, die vielleicht im Inneren nur um so schwerere Wunden hinterläßt. Sie war am nächsten Tage in Potsdam. Natürlich ist die Tatsache, daß der ältere verheiratete Bruder des Gefallenen plötzlich nach dem Osten (angeblich Krim[über der Zeile] ?, die schwer gefährdet scheint) kommandiert ist, um so beunruhigender. Ich bin überzeugt, daß von den jetzt im Osten kämpfenden Truppen nur ganz wenige zurückkommen werden. (Ein Leutnant vom Eismeer sagt mir, von 850 im Anfang seien noch 14; ähnliche Zahlen von anderwärts.) In diesem Zusammenhang muß man sich fragen, was der Tod des Mannes mit dem uns lieben Namen eigentlich bedeutet.) Onckens Sohn ist nicht nach Nordafrika zurückgekommen, sondern nach dem Osten. Angeblich sind die Engländer schon in Tripolis und de Gaulle mit 2 Armeen in Marokko.
Mittwoch war Mittwochsgesellschaft, wo der 4 mal aufgeschnittene Lietzmann wieder erschien; auch Penck, der 83½ jährige. Mit
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| meinem Spezialissimus sprach ich nur über die Krim. - Wenn die Japaner seit 5 Wochen im Anmarsch auf Singapur sind - ist das eigentlich ein stürmisches Tempo? Und wenn die Amerikaner sagen, der Krieg mit Japan komme erst nach dem Kriege mit uns - ist das ein Anlaß zum Frohlocken?
Drei Tage waren auch wir wieder in Ostasien. Am Freitag bei einem Vortrag von Prof. Kitayoma über "Das Nichts", bei dem ich wieder einmal deutsche Taktfehler gegenüber dem jap. Gesandten ausgleichen mußte. (Der Botschafter war Gottseidank nicht gekommen.) Gestern bei einem Vortrag des Botschafters Trautmann (Du erinnerst Dich) über Kunst von Anchor, heute im Privathause Schwarze - v. Arnim (gegenüber der Wohnung von Frau Arnthal) über jap. deutsche Kulturbeziehungen. Dort war auch Frl. v. Thadden, die - recht still geworden - mich an den Heuberg erinnerte.x) [li. Rand] x) Wieblingen verstaatlicht.
Emmy hat eine Gemüsesendung geschickt, die wir dankbar empfunden, aber natürlich bezahlt haben. Franzel ist also Bordfunker ......
In meinen Privatarbeiten ist eine Stockung eingetreten, nachdem ich alles andere abgebrochen u.
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| die Fortsetzung der Weltfrömmigkeit skizziert habe. Es kommen jetzt doch manche Fronturlauber, vorzügliche Gestalten, um die man sich kümmern muß.
Der Einsiedler O.Stud.Dir. Schwarz mußte operiert werden, fuhr in der Droschke nach Hause und lebt da mit einer Aufwartung, die morgens 1½ Stunden kommt. Der 3. Fall, den ich höre, daß man in keinem Krankenhause mehr Aufnahme findet. Selbst der Fliegerneffe Dieter hat bei schwerem Fall in keinem Lazarett Aufnahme gefunden. Dies alles sind Vorboten einer fürchterlichen Zeit. Sollten wir aber da durchkommen, dann - und nur nach der äußersten Tiefe - könnte es noch einmal besser in Dtschld werden.
Morgen sind wir von einem ungarischen Freund ins Hotel Adlon eingeladen. Dienstag ist Heinrich Scholz bei uns. Mittwoch hält er einen Vortrag im Harnackhause. Am gleichen Tage kommt wohl Otto (Prag.) Es ist trotz allem viel Zerstreuung, so daß man nicht merkt, was im letzten Satz m. Schillerabhandlung steht (für die mir Munk eine schöne Flasche Wein geschickt hat.) Um ganz materiell zu schließen: eine Weinhandlung in Hei, die noch Wein schickt, gibt es wohl nicht mehr?
<li. Rand> Die "Lebensformen" u. die Jps. sind schon wieder ausverkauft. An Neudrucke glaube ich nicht, denn wir müssen jetzt den letzten Mann einstellen. Auch Hobohm wohl, der am Donnerstag seinen Doktor machen soll.
<re. Rand> Zollinger, Stettbacher, der Türke Gökberk haben geschrieben. Sonst nichts vom Ausland. Die Peripetie ist nahe
Innige Wünsche Dein schreiblahmer
Eduard.

[] Susanne grüßt herzlich.