Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 15. Februar 1942 (Berlin/Dahlem)


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Dahlem, den 15. Februar 1942
Mein innig Geliebtes!
Zunächst möchte ich mitteilen, daß die Reise nach Prag vorläufig wegfällt. Der Passierschein war schon besorgt; da kam die Nachricht, daß der Vortrag am 22.II. wegen einer großen politischen Feier nicht stattfinden könne. Otto wollte ihn nun auf den 1.III. verlegen. Aber ich habe geantwortet, daß wir wegen der schwierigen Verkehrverhältnisses jetzt absagen müßten. Meinerseits ist Anfang Mai ins Auge gefaßt. Nun werde ich Dir wenigstens zum 25.II., Deinem 70. Geburtstage und großen Dahlemer Festtage, einen Brief schreiben können. Er wird wohl schon am 22.II. abgehen müssen, wenn er ungefähr ankommen soll. In der letzten Zeit habe ich 2mal je 300 M nach dem Werderplatz überweisen lassen. Die zweiten 300 M sind
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| ein extraordinarium septagenarium. Sonst aber wird es mit den Festgaben dürftig aussehen. Begründung ist wohl nicht nötig. Die Hauptsache mußt Du selbst zu Feier tun, indem Du gesund bist und guten Mutes bist. Ich habe die Absicht, Dich in den Ferien zu besuchen (zur Nachfeier.) Nur mußt Du dies Projekt als im übrigen unbestimmt ansehen. Denn der Mensch denkt, Gott lenkt. Wenn die Verhältnisse es gestatten und die Kräfte ausreichen, so wird es gemacht. Erst schien es, als ob Susanne mitkäme; neulich war wieder von Gumbinnen die Rede. Das nehme ich auch, wie Gott es schickt. Vielleicht kommen 8 Tagen Baden-Baden heraus. Denn dort allein würde man wohl noch Hôtels aufnahmebereit finden.
Die Zeilen von Trautel würde ich auf ein Kind von höchstens 12 Jahren deuten; die Zeichnungen auf 7-8 Jahre. Aber ich muß gleich hinzufügen: ich kann noch heute nicht mehr zeichnen als sie.
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Wir sind seit einigen Tagen kräftig eingeschneit. Die Kälte hat gleichzeitig nachgelassen. Wir haben noch ein zweites Mal reichlich Kohlen bekommen. Vor 8 Tagen bekam ich außerdem den 3. Schnupfen dieses Winters.
Am Mittwoch war die Mittwochsgesellschaft bei uns: Fechter, Jessen, Popitz, Fischer, Pinder, v. Hassell, Stroux, Wilcken, Sauerbruch, Meinecke als Gast. Die Nachricht, daß bei Lietzmann eine 4. Operation nötig geworden war, dämpfte die Stimmung. Trotzdem kam Sauerbruch schließlich in sein Element. Er blieb mit denen, die zu seiner Autoladung gehörten, noch weit über die Zeit, die üblich ist, hinaus. Er ist ein guter und ein tiefer Mensch, wenn auch ein Unicum. - Noch einmal wird man wohl selbst diese bescheidene Bewirtung nicht leisten können.
Das Thema des Vortrages war: "Der Philosoph v. Sanssouci". Ich bin mit diesem Objekt nun doch ein ganzes Stück über Zellers Buch von 1886 hinausgekommen.
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| Ich werde den Gegenstand als Akademievortrag, der im Juli fällig ist, noch einmal verwerten müssen. Deshalb arbeite ich vorläufig daran noch weiter. Am 12.III. soll ein Vortrag bei den Psychotherapeuten stattfinden, am 22.III. ist Hamm (über Humboldt.)
Der Tod des Germanisten Unger (Göttingen) und des Romanisten Winkler (Berlin) ist mir nahegegangen. Mit dem Letzteren knüpfte sich gerade eine fruchtbare Verbindung an. Er ist nur 50 Jahre geworden.
Freitag hielt W. Böhm hier einen seltsamen Vortrag. Heute Nachm. erwarten wir ihn mit Frau zum Tee, wenn sie nicht im Schnee stecken bleiben.
Abends.
Sie waren nun da, und ich bin eigentlich recht bedrückt. Was ist aus diesem geist- und temperamentvollen Willy Böhm geworden! Ein alter Mann mit langsamer Sprache und ohne alles Feuer. Auch da ist es die Voraussorge um den Sohn, der durch eine leichte Verwundung vor dem russischen Winter behütet worden
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| ist, und die Eindrücke sonst. (Hannover neuerdings betroffen.) Sie gingen von uns zu Gunnar Thiele, der Gottlob wieder heiraten wird.
Neulich wurde ich von unsrem Ministerialreferenten angerufen, der Minister wünsche meinen Schillervortrag zu lesen. Als ich mich bereit erklärte, ihn zu schicken, hieß es, der Herr M. wünsche persönliche Überreichung. Da ist etwas fishy. Aber meistens bleibt es dann bei solchen "Anwandlungen"; es folgt garnichts weiter.
Es tut mir leid, daß der Besuch in Dielbach nicht nur in so kalte Zeit fiel, sondern auch mit trüben Eindrücken verbunden war. Was das nun eigentlich für eine Krankheit ist, weiß ich nicht. Bisherige Mitteilungen ließen nicht auf Epilepsie schließen.
Die Kälte scheint noch nicht aufzuhören. Deine Ohrenschmerzen kommen vielleicht davon. Ich trage immer draußen Watte in den Ohren, wenn die Temperatur
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| unter 0° ist. Du solltest das auch tun. Unter 20° C. sind wir hier nicht gekommen.
Frau Kerschensteiner hat geschrieben, daß man in München zu seinem 10. Todestag eine Gedenkfeier veranstaltet hat. Heute habe ich - ein bißchen verärgert - Felizitas wieder einmal gemahnt, daß sie wenigstens die Zinsen bezahlen soll. Mich kränkt die absolute Nichtachtung der Verpflichtungen gegen mich.
Für heute muß es nun einmal genug sein. Susanne läßt herzlich grüßen. Ich wünsche Dir eine warme Stube und ein festes Herz.
Innigst Dein
Eduard.