Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 22. Februar 1942 (Berlin/Dahlem)


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Dahlem, den 22. Februar 1942.
Mein innig Geliebtes!
Das ist also nun der Siebenzigste! Wir erinnern uns noch, wie wir die Leute anstaunten, die einen so weihevollen Tag erlebten. Nun sind wir es selbst, und ich denke, daß Du im Innersten zufrieden bist. Ich wenigstens habe - wenn man gesund ist - nichts gegen das Alter, eher schon gegen das Zeitalter. Erfülle also die Bedingung, die ich soeben ausgesprochen habe: sei gesund und schone Deine Gesundheit! Das letztere bitte ich dich ganz offen egoistisch um meinetwillen. Wie sehr ich Dich zum eignen Existieren brauche, ist Dir bekannt. Ich verspreche auch, meinerseits das Gleiche zu tun. So machen wir aufs neue Kontrakt, mit Bewilligung des
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| lieben Gottes. Denn ich halte es für wichtig, die unmittelbar bevorstehende Weltepoche noch zu sehen, ja ich glaube, daß wir in ihr noch nützlich sein könnten.
Was ich Dir von Herz zu Herz für den 25. Februar 1942 zu sagen habe, habe ich mit den Vorwort zum Bodenseekalender gesagt, oder vielmehr: ich habe es gern sagen wollen. Aber wer könnte den reichen Inhalt eines Lebensbundes in Worte zusammendrängen? Je tiefer es sitzt, um so weniger wagt man, es dem Wort anzuvertrauen. Man lebt es in stiller Andacht weiter und hat nur das eine beherrschende Gefühl "Dankbarkeit". Ich danke Dir, mein Geliebtes, und ich danke Gott für diese Seine Güte. Mehr als diese zwei Worte wollen sich zu deinem Festtage in mir
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| nicht bilden. Aber es liegt in ihnen mehr als in manchem beredtem Ausdruck der Jahre, in denen das Gefühl noch aus sich herauskam. Heute geht es mehr nach innen, immer mehr zum Zentrum in uns, das ewig ist.
Deine Heidelberger Freunde werden Dir Kränze winden, und Du wirst Sie mit Kaffee bewirten. Was man sonst könnte: Blumen schicken, Tafeln mit eingravierten Glückwünschen herstellen, ja auch nur ein wertvolles Buch in gutem Einband auf den Tisch legen - alles das geht heute nicht. Jetzt gibt es wirklich nur die innere Sprache. Sage also den Festgästen: mein Geschenk wäre unsichtbar, aber es hätte eine große Zauberkraft: es verginge nicht und könnte nicht abnehmen und nicht zunehmen: es sei nämlich die Liebe. Vergiß nicht, es dem Vorstand gerade so zu sagen. Es sei weder braun noch schwarz noch rosarot, sondern
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| es wäre einfach Licht.
Wie der Tag verläuft, bin ich begierig, von Dir zu erfahren. Das Eine verrate ich aber apriori Dir: Wenn ich am Mittwoch fürs Kolleg um ¾ 7 aufstehe, fliege ich in Gedanken als erster Gratulant zu Dir, und Du wirst keinen anderen vor mir vorlassen. Vielleicht spiele ich mittags "Ein feste Burg" auf dem Klavier, vielleicht auch nur in mir. Nachmittags ist Mittwochsgesellschaft bei Penck, dem 83½ jährigen, wenn er gesund ist.
Und nun genug für das Gratulationsschreiben. Ein kleiner Tagesbericht liegt bei. Für Susanne sage ich meinerseits nichts; sie weiß um das große Mysterium meines inneren Lebens.
AEI
Dein
Eduard.

Zum Siebenzigsten.

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Die Jugendtage liegen fern, die reichen,
Da unser Bund sich schloß und uns die Welt,
Gold wie ein Traum, viel Freuden zugesellt;
Du kennst die Bilder, die uns nie entweichen.
Die Zeit entflieht. - Wir beide sind die gleichen,
Wenn auch der Ernst uns nun gefangen hält.
Du hast das Leben mir mit Glanz erhellt,
Und alles Tiefste steht in Deinem Zeichen.
Ich danke Dir, und Gott muß ich es danken,
Daß ich mit Dir so festen Herzens steh':
Wer liebt, kann auch im Äußersten nicht wanken.
Wir bleiben stark; und was uns je und je
Die Stunde bringt, laß es mit Trost umranken
Von unsrem Sinnbild: dem geliebten See.
Dahlem,
zum 25. Februar 1942.
Eduard.