Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 7./9. März 1942 (Berlin/Dahlem)


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7.III.42.
Heute habe ich das Semester geschlossen. Es ist mir zum Schluß recht schwer geworden. Heute vor 8 Tagen habe ich mir einen Luftröhrenzustand zugezogen, den ich zuerst auf die anscheinend nicht mehr rauchbaren Volkschen Zigarren zurückgeführt habe. (Wenn man kann, müßte man jetzt teurere kaufen.) Es folgte dann ein allgemeines körperliches Elend, das wohl mit den tags darauf einsetzenden schweren Schneestürmen zusammenhing. Und seit gestern ist nun wieder ein starker Schnupfen da: es ist der vierte dieses abscheulichen Winters!
Trotzdem habe ich nichts ausfallen lassen. Die Vorlesung war bis heute von rund 200 Leuten besucht: Kant, ein durchaus nüchternes Objekt, und wenn man nur auf dieses Symptom achtet, so hat man keinen Anlaß, der Hörerschaft das allerbeste Zeugnis zu versagen. Auch das Seminar hat bis zuletzt geblüht. Es war, mit einem Wort, eines der besten Semester in meiner langen Praxis.
Den sog., aber wieder sehr übel aus
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|sehenden Ferienzustand habe ich zunächst mit 4 Beileidsbriefen begonnen, deren ich immer eine Unzahl zu schreiben habe. Diesmal galten sie dem verstorbenen Kollegen Bauch (nach mehreren Operationen), dem bei Feodosia gefallenen Patenkind Günther Landgraf, dem alten Jugendfreunde (seit 1888 Doroth. Realgym.) Fritz Dammberg, und dem zweiten in Osten gefallenen Bruder eines früheren Schülers, der jetzt in Amsterdam Lektor ist.
Nachmittags war der sog. Dahlemer Sonnabend (von mir Senilitätskränzchen genannt), das bei Bertholets stattfand.
Unsre Ida war eine ganze Woche in Breslau. Ihr Schwager ist gestorben. Dieser für Sie traurige Fall hat hoffentlich nicht die Folge, daß sie wegen ihrer Schwester dauernd nach Breslau gehen muß. Während dieser Zeit hat Susanne unmerklich und schön die ganze Wirtschaft besorgt. Dies hat anscheinend sehr günstig auf ihre Laune gewirkt, so daß ich mich der besten Behandlung zu erfreuen hatte. Daneben tat sie noch viel als
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| meine Sekretärin. Dies letztere allein geschieht nicht immer mit gleich guter Laune, so daß ich schließen muß: eine maßvolle Hausarbeit ist doch der Frau immer eine wesensgemäße Aufgabe.
Bei der "Erziehung" ist ein Malheur passiert. (Daß Du sie so spät erhältst, ist eine Folge der viel beobachteten Heidelberger Schlumperei, die keineswegs überall so ist.) Wenke hat einen Aufsatz angenommen, gegen den ich mich weltanschaulich und persönlich auflehnen muß. Ich habe ihm das in der freundschaftlichsten Form geschrieben. Seine Antwort ist immer noch nicht da. Zu ändern ist an dem Faktum wohl nichts. Übrigens brachte Sauerbruch schon am 11.II. das Gerücht, daß W. auf dem Wege der Wiederbesetzung des Littschen Lehrstuhles in Leipzig mein indirekter Nachfolger werden soll, was mich natürlich besonders freuen würde. Es ist kein Verrat an der Freundschaft, wenn ich dabei auch ein bißchen die Distanz L : W. empfinde.
Hingegen ist Euer philos. Dekan Kienast zurückgetreten. Früher wußtet Ihr über solche Universitätsereignisse auch immer Bescheid. Ein Zeichen der Zeit, daß es nicht mehr der Fall ist. Er
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| wollte den auch von mir empfohlenen Berliner Kollegen O. nach H. haben. Ob das damit gescheitert ist, weiß ich nicht. Kienast habe ich bei der Kronprinzessin als Lehrer der Prinzen kennen gelernt. Das bringt mich darauf, daß mir I. M. Hermine aus Partenkirchen (Schönblick) sehr freundlich und persönlich auf meine Gedanken zum 27.I. geantwortet hat.
Ein Japaner hat bei mir vermöge eines wahrhaft orientalischen Fleißes mit "gut" seinen Doktor gemacht. Hingegen läßt es der Marienbader Besucher Senzoku durchaus an zielbewußter Arbeit fehlen. - Was wir hinter Penang noch von ostasiatischen Häfen gesehen haben, ist ja nun alles in der Hand der Japaner, wenn auch nicht im Sinne der "japanischen Seele."
Fast 3 Tage hat der Nordoststurm um unser Haus geradezu trompetet. Sonst sahen wir um diese Zeit bei der Königin Luise die schönsten Blumen im Freien.
Das Blatt des "Vereins für die Geschichte Berlins" bringt im Zusammenhang der auch sonst interessanten Erinnerungen von Knoblauch auch einen Abschnitt über Broses, den ich dir einmal zur Ansicht schicken werde.
Warum hat Dir Emmy nicht zum Geburtstag gratuliert?

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9.III.42.
Mein innig Geliebtes!
Deine beiden schönen Briefe aus den Tagen vor und nach dem großen Festtag haben mich sehr glücklich gemacht und mich tief dankbar gestimmt. Ich habe schon vorgestern einiges aus der Antwort vorweg niedergeschrieben. Das war gut; denn heute bin ich beim Ausarbeiten tiefster Dinge, die meine ganze seelische Kraft erfordern, so daß ich kurz sein muß.
Das Elend der Heidelberger Postzustellung hat leider auch diesmal wieder alle sorgsame Berechnung zu schanden gemacht. Umgekehrt ist es ein bißchen besser. Deine liebe eingeschriebene Sendung kam am 28.II. hier an. Du liest aber im Beiblatt, daß trotz meiner Dankbarkeit für Deine Mühe und Güte diese Zigarren als gesundheitsschädlich zu bezeichnen sind. Ist nun etwas von Anna Weise gekommen? Lili Scheibe war einmal bei Wolfgang Sch. hier in Dahlem. Sus. hat sie bei Ihrer NSV-Sammlung getroffen. Sie allein hätten wir gern um ihren Besuch gebeten. Aber dann hätten wir mit der Frau Scheibe auch anfangen müssen, was ich nicht möchte, und es war außerdem gerade sehr besetzte Zeit.
Fishy heißt fischig, faul. Es ist keine neue Aufforderung zu Rust gekommen. Das ist typisch für ihn.
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Über meine Auffassung von F. d. G. möchte ich im voraus nichts verraten. Das muß man als Ganzes auf sich wirken lassen.
Zu der Goethezeitschrift bekommt man bei rechtzeitiger Bestellung passende Einbanddecken [über der Zeile] gratis. Wenn Du die nicht hast, würde ich die Hefte nicht einbinden lassen. Außerdem tut es jetzt auch niemand.
Was soll mit Ibn Saud anderes sein als immer ist?
Wir wollen doch nun die Verbindung mit Cilli wieder aufnehmen. Sie hat ja an nichts Schuld und ist selbst sehr zu beklagen.
Wie geht es mit Trautel Kohler? Maßvolle Epilepsie macht doch nicht ganz lebensuntüchtig.
Klara Rauhut kann erst heute ihre Arbeit wieder aufnehmen. Wie man doch in einem Moment Unglück haben kann!
Gestern war ratsuchend eine 19jährige Enkelin von Kerschensteiner bei uns, die ziemlich auf sich selbst gestellt zu sein scheint, ein ganz liebes Wesen, dessen man sich annehmen möchte. Aber wie?
Von Reiseplänen schreibe ich heute noch nichts. Ich bin dermaßen erkältet und draußen ist ein solcher Dreck, daß augenblicklich der Mut zum Planen fehlt. Auch muß ich noch Erkundigungen einziehen. Ich breche also für heute ab und wünsche Dir gute Gesundheit, Vorsicht bei Glatteis und was sonst noch nötig zu m. Beruhigung ist! Susanne schreibt bald.
<li. Rand>
Innige Grüße
Dein Eduard.