Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 20. März 1942 (Berlin/Dahlem)


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Dahlem, den 20.III.42.
Mein innig Geliebtes!
Die Nachricht von Deiner Erkrankung hat mich sehr betrübt und beunruhigt. Es ist mir schrecklich zu denken, daß Du dann so auf eine gute Nachbarin und auf deine eignen Heilkräfte angewiesen bist. Denn Frl. Dr. Clauß wird auch nicht kommen können. Man darf jetzt ja nicht krank werden. Es war daher nicht richtig, daß Du nicht gleich beim ersten Bemerken zu Hause bliebst. Aber da ist ja gut raten - ich lebe auch nicht danach -, mindestens solange Dienst ist. Auf weitere Nachricht warte ich mit Sorge. Leider muß ich nun morgen nach Hamm und werde vor Montag Abend, im günstigen Fall, nichts von Dir vorfinden. Meine Adresse habe ich Dir auch nicht rechtzeitig angegeben. Also gehe ich mit Unruhe auf die Fahrt.
Bei mir ist wieder nur ein Schnupfen ausgebrochen, der nun schon zum Dauerbestand gehört. Auch aus diesem Grunde ist mir die Reise beschwerlich. Denn nach 2 Tagen mit abnorm hoher Temperatur (5-6 R. im Schatten) heult jetzt wieder der Oststurm
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| um das Haus, und heute früh lag wieder eine neue Schneedecke von 4 cm. Morgen muß ich um 6 aufstehen und ergattere vielleicht doch nur einen Stehplatz am Schles. Bhf. Die Rückfahrt wird noch schlimmer sein. Alles bröckelt und knistert bedenklich. - -
Meine Ferien seit dem 7.III. haben darin bestanden, daß ich 2 Vorträge mit zusammen 100 Seiten aufgeschrieben habe. Der erste, Psychologie des Glaubens, ist im Kreise des Vetters Göring (Keithstr. 4!) bereits mit Erfolg gestiegen. Der kleine Raum war so besetzt, daß ich gerade noch hinein konnte. Den anderen, Phil. de Sanssouci, nehme ich morgen mit.
Es ist nun doch etwas sehr betrübliches eingetreten: das Herzchen in m. Uhrkette ist wieder aufgegangen; aber diesmal hing der Inhalt nicht an dem langen Wollschawl; er hat sich nicht wiedergefunden. Das Bildchen war ja kaum noch erkennbar. Aber Du mußt mir bitte die Locke nachliefern und nicht böse sein.
Wir treffen fast nur Defaitisten; heute gerade war der schlimmste aus Jena bei mir. Es steuert so in einer bestimmten Richtung. Heute war Klotz hier. Penck habe ich - bei s. Alter (83) - von einen Sommeraufenthalt auf der Reichenau abraten müssen. Bei Dessoirs angeregter Nachmittag. Vorher ½ Stunde bei Frau Ludwig. Wir haben Frankes besucht (Osten für Europäer verloren!). Ich war bei dem wiedergenesenen tiefdenkenden Meinecke. Der <re. Rand> Ministersohn Lentze (erinnerst Du Dich) brachte einen belebten Sonntag-Nachmittag. Und so noch manches. Ich muß zu Bett gehen. Werde bald gesund und sei vorsichtig, wie Du kannst! Innigst Dein Eduard.