Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 27. März 1942 (Berlin/Dahlem)


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Dahlem, den 27. März 1942.
Mein innig Geliebtes!
Unsre Briefe haben sich gekreuzt. Als ich von Hamm zurückkehrte, erfuhr ich zu meiner Beruhigung, daß Du einigermaßen wiederhergestellt wärest; aber mit Betrübnis, daß es doch wieder eine richtige Grippe war, die ja leider so lange nach wirkt. Gleichzeitig fand ich den 2. Brief von Exc. Seitz. Im ersten hatte er mir - sehr erfreut durch die Aussicht eines Wiedersehens - geschrieben, daß man in den Hôtels von B.-B. gerade deshalb auf Unterkunft rechnen dürfte, weil sie Vorausbestellungen nicht annähmen. Inzwischen aber hatte er für seinen Neffen H. v. Glasenapp mit Mühe ein ganz minderes Zimmer gefunden und empfahl, daß ich erst einmal allein in B.-B. suchen sollte, ab sich etwas fände. Soviel Zeit stünde ja aber garnicht zur Verfügung. Aber die beiliegende Verfügung im Verein mit den tatsächlichen Verhältnissen läßt ja nun
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| den ganzen schönen Reiseplan als aussichtslos erscheinen. Mein Hauptfehler liegt schon darin, daß ich nur an die sog. Ferien, aber nicht an die Osterfeiertage gedacht hatte. Gerade zu Ostern ist das Reisen an Zulassungskarten gebunden und natürlich nirgendwo ein Zimmer mehr zu finden. Es heißt also wieder einmal: verzichten. Mir wird es schwer, schon an sich; aber auch deshalb, weil ich Hoffnungen bei Dir erweckt habe (wennschon mit Vorbehalt!), die die Kriegsumstände wie so vieles andere erbarmungslos zerstören. Wir müssen also unsre Pläne auch dies Jahr wieder auf den August vertagen. Wer weiß, wie es dann aussehen wird. Wenn man älter ist, vertagt man ungern.
Ich kann nicht leugnen, daß ich auch ein bißchen Arbeitspause sehr gebraucht hätte. Wo ich allerdings die Zeit dazu hätte hernehmen sollen, sehe ich nachträglich auch nicht. Denn ich werde nicht einmal mit der notwendigsten Semestervorbereitung fertig. Offiziell sollen wir am 9.IV. anfangen. Ich schiebe es bis zum 15.IV. hinaus. Alle Arbeiten gehen schlecht von der
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| Hand, wegen der anfallenden Arbeit. Am schwersten wird mit z. Z. das Briefeschreiben (eine Adresse ausgenommen.) Ich glaube, ich habe mich ausgeschrieben, leider auch und besonders mit Kondolenzbriefen.
Nach Hamm bin ich via Schles. Bhf. I. Kl. gefahren und habe so einen Sitzplatz bekommen. Zurück verhalf mir der Umweg über Soest zu eine Ecke in II. Kl. (d. H. einem Schmalsitz.) In Hamm waren Wetter und Zusammensein schön, Mit dem Publikum ist es ja immer so eine Sache. Man weiß nicht, ob man es an irgend einer Stelle seiner Innenwelt trifft. Stimmung im Hause ganz negativ. Vorfälle vom Gewalttypus wie überall; Prognosen, besonders wirtschaftliche, ganz schlecht.
Am Tage nach meiner Rückkehr waren gleich 4 auswärtige Besucher da. 2 aus Graz, darunter O. J. Hartmann, der wegen der Steinerzitate in s. Büchern angefeindet wird. Sehr sympathisch. Der andere Grazer war ein Opfer vieler unverdauter Kenntnisse mit sektiererischem Hintergrund. Zur "Fürbitte" gar kann ich mich nicht entschließen. Heute war
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| Wenke hier (anscheinend Gallenkrankheit) und ein junger Systemgewaltiger, der sehr nach Zusammenarbeit mit mir verlangt. (Sympathischer Typ.) Auch Herr Klotz hat mich besucht.
Ich quäle mich sehr mit Hegel, ohne den gewünschten Erfolg. Eine lange Dissertation ist auch kein Genuß. Das Wetter ist seit 3-4 Tagen milde, der ungeheure Dreck läßt nach. Von Knospen ist noch nichts zu sehen. Tigges schreibt aus Heidelberg, daß auch dort noch rauher Wind sei. Und es wird ja wohl noch lange winterlich bleiben. - Hattet Ihr wieder Angriffe? In Hamm war viel zerstört.
Du hast mir nicht geantwortet, ob Frommherzens Dir gratuliert haben. Bald kommt ja wohl der Geburtstag des verstorbenen alten Freundes.
Der Anfang diese Briefes ist mir schwer geworden. Was wird heute nicht schwer? Laß uns Geduld haben und hoffen! Wie mir scheint, hoffen wir alle in Deutschland auf die - japanische Zukunft.
Innige Grüße und Wünsche!
Dein
Eduard.