Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 15./16. April 1942 (Berlin/Dahlem)


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Dahlem, den 15.April 1942
Mein innig Geliebtes!

Du hast Recht:
Auch dem unbedingten Triebe
Folget Freude, folget Rat:
Du im Leben nichts verschiebe;
Sei Dein Leben Tat um Tat!
Ich bin nach der beglückenden Ankündigung Deines Kommens nach Berlin nur gespannt, für wann Du die schwierige Fahrt geplant hast; und ich empfinde es für mich als einen bitteren Tropfen im Freudenbecher, daß meine Semesterarbeit seit langem nicht so viel Zeit und Anspannung erforderte, wie in diesem Sommer. Wenn aber für uns neben der verfluchten Pflicht auch nur wenig freie Stunden übrig bleiben, so wird es doch schön sein, wie immer.
Hierzu ist ferner noch zu bemerken, daß durch ein Telephongespräch mit Prag der Vortrag dort nun auf den 3. Mai vorverlegt worden ist, erst vor wenigen
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| Stunden.
Vor allem danke ich nun für die liebe Sendung für das Herzchen. Hineintun konnte ich das Wertvolle noch nicht. Die ganze Uhrkette ist zur Reparatur. Erstaunlicherweise hat sich der dritte darum ersuchte Juwelier dazu bereit gefunden. Ferner danke ich für die eingeschriebene Zigarrensendung. Einige davon sind sogar ohne direkten Schaden rauchbar. Aber nimm nur immer, was Du kriegen kannst. Denn auch hier sehe ich auf den Grund (was man bei anderen Zeitverhältnissen nicht sagen kann!) Das abendliche Weintrinken habe ich vor etwa 10 Tagen eingestellt. Stattdessen trinke ich helles Dünnbier, ohne eine Spur von Alkohol, und vorläufig hinterher einen Schluck Rum in Wasser. Das ist nur ein freundlicher Übergang. Anfangs revoltierte alles in mir gegen die Kohlensäure; ich mußte auch mit leichten Schlafmitteln nachhelfen. Aber es ist nun doch geglückt. Mit dem Tabak wird die Entwöhnung nicht so leicht gehen. Diese Kur beginnt spätestens um Pfingsten.
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Heute habe ich bei starkem Besuch die Hegelvorlesung angefangen, aber kräftig abgeschreckt, damit mir die Leute nicht nachher mittendrin fortlaufen. Diese Vorlesung wird mir mindestens immer die halbe Woche kosten. Die 2. Vorlesung und das Seminar nehmen auch mindestens 2 Tage. Da bleibt also nicht viel Bewegungsspielraum. Der Prager Vortrag befriedigt mich auch in der 2. Fassung noch nicht. Zum Unglück sind gerade jetzt die Nishidakorrekturen gekommen, nachdem die Sache 1 Jahr brachgelegen hat. Ein Reklamheft aus alten Aufsätzen soll bis zum 15. Mai zurechtgestutzt werden. Und die Japanische Botschaft hat mich dringend aufgefordert, das unselige Buch "Einführung in die japanische Kultur" nunmehr in Angriff zu nehmen. Die Leute sind garnicht zur Vernunft zu bringen.
Die eben abgelaufenen Ferien brachten 2 Tagesausflüge. Der 2. mit Hedwig Koch ging von Schulzendorf nach Frohnau, dann von Birkenwerder via Briesetal (memento!) nach Lehnitzsee, zuletzt bei kaltem Regensturm. Es will überhaupt hier nicht recht warm werden. Heute früh um 7 hatten wir wieder 0°. Knospen sind noch kaum zu sehen.
Mit den Einladungen hat es nun auch
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| ein Ende. Die letzten Mohikaner am Sonntag (2 Japaner) kamen nicht; wir mußten den letzten selbstgebackenen Kuchen allein essen.
Assistent Hobohm, soeben durch Frl. Jung ersetzt, wurde vom Militär mit Abscheu wieder ausgespien. Aber es muß nun bei Frl. Jung bleiben. Deren Dissertation gehörte auch zur Ferienarbeit. Sie verspricht aber, ganz gut zu werden. Falls außer dem Ungarn noch einer mit einer großen Arbeit kommen sollte, würde es mich umwerfen.
Es ist 11 Uhr; Ich werde für heute Schluß machen. Gute Nacht!

16.IV.42.
Es ist wieder 11 Uhr und also nicht viel Kraft mehr vorhanden. Deshalb will ich keinen neuen Bogen mehr anfangen. (Selbst für die Vorlesungen ist kein geeignetes Papier mehr da!) Morgen beginnt das Seminar u. hält Wenke hier einen Vortrag. Übermorgen beginnt die andere Vorlesung und ist Nachmittags Hauptversammlung + Rezitation der Goethe-Gesellschaft. Es ist also genug vorzubereiten. Nimm vorlieb mit diesen schwachen Zeilen und laß mich bald wissen, wann Du unser Zusammensein realisieren wirst, wozu ich zu schlapp <li. Rand> war. Ich hoffe, daß Du ganz wieder gesund bist, und grüße Dich in stetem treuen Gedenken. Dein Eduard.