Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 14. Mai 1942 (Berlin/Dahlem)


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Dahlem, den 14. Mai 1942.
Mein innig Geliebtes!
Über die Maiglöckchen habe ich mich herzlich gefreut. Sie kamen sehr schön frisch an und brachten - außer dem unwahrnehmbar Besten - einen Waldduft mit, wie unsre jetzt auch blühenden Gartenmaiglöckchen ihn nicht haben. Empfange herzlichen Dank für diesen lieben Gruß. Die vorige warme Woche hat es endlich auch hier zum Blühen gebracht. Die Kirschen haben die Höhe schon überschritten; morgen wird die Fliederblüte anfangen. Aber es hat seit dem 8. April hier nur 1 Nacht geregnet. (Heute scheinen die Eisheiligen verspätet einzuziehen.) Die jungen Amseln aus dem Nest in der 1. Fichte sind schon aus dem Nest[über der Zeile] geflogen. Heute früh war ein sehr niedliches junges Karnickel (wild) im Garten zu Gast.
Zum inneren Blühen will es aus naheliegenden Gründen nicht kommen. Abgesehen "davon" bin ich sehr angestrengt durch die ewige Arbeit für die Vorlesungen und das Seminar. Auf Deine
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| Frage wegen Deines lieben Besuches in Berlin bin ich geteilter Ansicht. Ich denke ganz wie Du, daß alles Verschieben ein "zu spät" zur Folge haben könnte, so daß alle anderen Rücksichten nach Abflauen des Pfingstverkehrs fortfallen sollten. Wenn aber in Rechnung gestellt werden soll, daß wir von einander auch etwas haben, dann müßte ich sagen: der 27.6. eignet sich dafür voraussichtlich am wenigsten. Ich habe vorm. 2 Stunden Vorlesung, und einiger "Betrieb" ist bei normaler Kriegslage doch zu erwarten. Mit den Vorlesungsvorbereitungen komme ich gerade jedesmal durch; es bleibt außer 1 Stunde Spazierengehen eigentlich keine verfügbare Zeit. Am 9.7. habe ich außerdem den fälligen Akademievortrag zu halten. Vom 11.7. an wird das offiziell am 28.7. schließende Semester schon ruhiger werden. Wenn also dieser rationale Maßstab angelegt wird, wäre es ab 11.7. am sinnvollsten, zusammen zu sein. Ernährungsmäßig wirst Du Dich hier mindestens nicht verbessern, und
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| wie es dann mit den Berliner Nächten steht, ist natürlich nicht abzusehen. Daß sie kommen werden, sollen die Engländer schon in Rostocker Flugblättern angekündigt haben. - Das ganze Problem liegt so, daß es eigentlich nur durch Würfeln entschieden werden kann.
In der Zwischenzeit - seit der Karte vom 4.V. - haben wir nichts von Belang erlebt. Wir waren am sog. Himmelfahrtstag mit 2 Japanern (dankeshalber) bei herrlichem Wetter in Potsdam an der unteren Havel. Tags zuvor im " Großen König", den ich schauerhaft finde. Sonst nur manchmal im japanischen Blühwinkel des Botanischen Gartens.
Im "Reich" hat ein bestellter Artikel von mir über das Thema "Sind die Klassiker schwer?" gestanden. Ich habe davon nur 1 Exemplar, das ich Dir einmal leihen werde. Für ein Reklamheft habe ich den alten Vortrag "Der Bildungswert der Heimatkunde" (1923) überarbeitet, und eigentlich würde ich Dir gern den Originaldruck abluchsen, da mein letztes Exemplar beim Druck konsumiert wird. Mit
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| großer Anstrengung habe ich die ersten Korrekturen von Schinzingers Nishida-Übersetzung gelesen, die für mich großenteils unverständlich ist.
Pfingstferien kann ich nur am Freitag u. Sonnabend vor Pfingsten machen. Zum Fest werden in Potsdam 4 Nichten und mindestens ein Neffe versammelt sein. Ich werde aber kaum mit hingehen. So große Ansammlungen vertrage ich bei meiner ständig gedrückten Stimmung schlecht.
Die neue Assistentin Frl. Jung ist energisch und tüchtig; ich habe mich gegenüber H. sehr verbessert. Aber die Seminarübungen laufen schlecht. Da gehört ein guter Studienrat hin, nicht ich. Die Vorlesungen sind dick voll. Wie viel mögen die Leute verstehen? Abends lese ich zum Trost immer ein bißchen Fontane. - Langer gleichgestimmter Brief von Litt (auch über Prager Vortrag), und einer von Stapel. Die Zurückkommenden werden zahlreicher.
Seit Januar sind schon wieder 1000 Exemplare Lebensformen verkauft worden. Was soll man mit dem Geld? Das muß doch nun ein Blinder sehen, daß sich diese Wirtschaft ad absurdum führt.
Frl. Wingeleit war gestern hier. Sie baut sehr ab.
<re. Rand> Ich habe den unaufhörlichen Winterschnupfen noch nicht überwunden; vielmehr ein ständig fließendes linkes Nasenloch.
<li. Rand>
Ich schließe für heute - ein immer Müder - mit vielen "guten" Wünschen und innigen Grüßen. Dein Eduard.