Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 28. Mai 1942 (Berlin/Dahlem)


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Dahlem, den 28. Mai 1942.
Mein innig Geliebtes!
Als ich heute gegen ½ 7 nach Hause kam, sah ich über der Havel ein besonders bösartiges Unwetter stehen. Eine Viertelstunde später geriet unser Haus gerade in die Mitte eines furchtbaren Wirbelsturmes. Die Hertzschen Pappeln schienen bis auf die Erde gebogen zu werden. Im gleichen Moment wurden viele Dachziegel von beiden Flanken des Daches nach der Gartenseite zu herausgeschleudert. Die Rückseite des Daches rechts und links sieht wie nach einen Bombenangriff aus. An 4 Stellen sind nur die Sparren übrig geblieben. Es regnete natürlich gleich kräftig herein. Aber ¾ Stunden später war es schon wieder still, und die Sonne kam noch einmal zum Vorschein. Wir haben viele Gefäße aufgestellt und Papier geknüllt hingelegt, damit es nicht im
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| Silberzimmer die Bücher ruiniert und im Gartenzimmer die Decke verdirbt. Das Schlimmste ist nämlich noch zu erwarten: als wir unsren Dachdecker anriefen, hatten sich schon 12 andre Geschädigte bei ihm gemeldet. Er konnte gar keine schnelle Hilfe in Aussicht stellen, weil es an Arbeitern und Material fehlt. Seltsam übrigens: weder dem Hause von Hertz noch von Küpper ist etwas passiert.
Es scheint z. Z. mal eine "Kiste offen". Nach dem Ohnmachtsanfall in der Philharmonie fürchtete ich, daß Susanne ernstlich etwas fehle. Sie "kümmerte" geradezu und verfiel auch im Gesicht. Das hat sich seit gestern gebessert; aber ich bin nicht sicher, ob nicht schon eine Art von Unterernährung vorliegt - darauf passe ich nun nach Möglichkeit auf - oder gar etwas Tiefgreifendes. - Den Ausflug nach Lehnin machte ich mit Sabine. Die 4 Stunden Marschieren sind mir ganz gut bekommen. Aber mittags gab es nichts
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| als Spinat u. Kartoffeln. Ich versuche immer die Tatsache zu ignorieren, daß Spinat wie ein Gift auf mich wirkt. Wirklich hatte ich aber wieder 4 Tage zu tun, bis der Giftstoff heraus war.
Und Du hast eine Augensache gehabt, über die Du Dich nur sehr lakonisch geäußert hast. War es etwa durch Staub veranlaßt? Die Augensalbe scheint nicht dafür gepaßt zu haben. Hoffentlich ist die Affektion ganz verschwunden? - Auf den allerdings sehr kleinen Bildern [über der Zeile] (ich meine das neue!) siehst Du zu meiner Freude gut aus - so wie vor 15-18 Jahren in Mittenwald. Täusche mich nicht; ich würde mich sehr freuen, wenn Du mir wenigstens keine Sorge machtest! - Das kl. Herz geht immer noch dann und wann unmotiviert auf. Es wird am besten sein, wenn Du es erst einmal in Reparatur nimmst, ehe ich ihm einen neuen Inhalt anvertraue.
Die Zigarren, soweit ich sie bisher probiert habe, sind gut und leicht. Fahre so fort! Bisher füllt sich der schwindende Vorrat immer noch durch die Güte der Menschen auf. Haga
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| hat mir 2 Flaschen Cognac aus Italien mitgebracht, und ein freundlicher Weinhändler in München aus dem Kerschensteinerkreise hat mir 24 Fl. frz. Rotwein verkauft.
Pfingsten war arbeitsam und still. Besuch von Wachsmuth, Studienrat Borkx) [li. Rand] x) Dieser Halunke hat um Ostern ca. 14 Tage auf der Philosophenhöhe gut gewohnt!!), wir kurz bei Frau Petersen. Dienstag Marianne. Gestern nach langer Pause wieder Mittwochsgesellschaft. Penck geht doch wieder nach Mittenwald in die Pension Hoffmann. Wir verhalten uns abwartend. Dies will ich auch mit einer schwebenden Einladung nach Upsala tun; so etwas ist jetzt nicht angenehm. Padua habe ich abgesagt.
Der heutige Unfall ist gering, wenn man an unzählige andere Schicksale denkt. Ich habe die Eigentümlichkeit, so etwas mit voller äußerer Ruhe mitzuerleben. Aber vielleicht wäre irgend eine Reaktion nach außen besser; es schlägt so immer nach innen und löst sich nicht.
Leider muß man ja hinzufügen: alles ist bis jetzt nur der Anfang. (Kein bloßes Hintertreppengerücht: Die aufgehende Sonne wolle uns bereden, uns mit der Sichel zu vertragen.)
Morgen ist viel nachzuholen. Deshalb schließe ich schon heute endgiltig. Innigst Dein Eduard.
[re. Rand] Ich lese die Erinnerungen der Wilhelmine von Bayreuth. Pfui Teufel! - Wie will der Jochen Klepper dagegen aufkommen?