Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 20./21. Juni 1942 (Berlin/Dahlem)


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Dahlem, den 20. Juni 1942.
Mein innig Geliebtes!
Deinen heute erhaltenen lieben Brief will ich gleich mit ein paar Zeilen beantworten. Denn es kommt eine stürmische Woche, in der das Schreiben nicht möglich sein wird. Ich sitze hier am Vorabend des längsten Tages bei einer unerhörten Hundekälte, die ich durch die elektr. Sonne bekämpfen muß. Dabei ist am Tage die Sonne mehrfach durchgedrungen. Auch das Wetter ist unbegreiflich; bei Euch anscheinend nicht besser. Im Juni morgens 8°, das habe ich noch nicht erlebt.
Am Sonntag kamen wir ohne Schirm in ein Gewitter. Am Montag gelangten wir mit Frl. v. Kuhlwein nur bis Eberswalde. Der Zug nach F. war eingestellt. Wir gingen dann nach Chorin und haben diesen Wechsel des Programmes nicht bedauert. Die Stille um die ausgebaute Ruine, die ich zuletzt vor ca 45 Jahren noch ohne Dach gesehen hatte, war wunderschön. Die Landschaft ist ganz entzückend; (mehr gab es auch im Krug nicht.) Nachher gingen wir
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| noch durch ein einsames Naturschutzgebiet mit sumpfigem Wald bis zum Bahnhof Chorin, wo dann wieder ein kräftiges Gewitter losbrach. Von Berlin bis Bernau (1¼ Stunde) mußten wir im Zuge stehen.
Mittwoch war M.G bei Beck, mit Sauerbruch, der ebenfalls Paduaner Ehrendoktor ist. (Ich habe übrigens am gleichen Tage das Diplom durch Herrn v. Mackensen erhalten). Wir waren nur 10. Penck ist schon in Mittenwald, Lietzmann in der Schweiz. Am Donnerstag machte Frl. Jung, die höchst energische Assistentin, ein recht gutes Doktorexamen, sogar bei Hartmann mit besonderer Anerkennung, in allen mündlichen Fächer "sehr gut." Heute waren Eulenburgs bei uns. Das sieht im Bericht so aus, als ob wir nur dem Vergnügen lebten. Es ist aber anders. Nur zügle ich das Arbeitstempo etwas, weil ich doch ziemlich klapprig bin.
Für kommenden Sonnabend hat sich schon Planck als Vertreter der Goethe-Gesellschaft angemeldet. Wir schreiben also Kippenberg, der gleichfalls erwartet wurde, von den Teilhabern des Huhnes ab, rechnen aber mit Litt und
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| Wenke.
Der Neffe Günther ist unerwartet im Lazarett in Pyrmont, das ihm als Krone der Landschaft erscheint. Wüßtest Du etwas in Heidelberg, wo Sabine Honig ihren kurzen Urlaub verbringen könnte, oder besser bei Heidelberg? Wahrscheinlich doch nicht. Eulenburg geht nach Königstein im Taunus und will sich dort umsehen, für uns im August.
Mein beträchtliches Absacken führe ich nicht auf die Arbeit und die (immer noch relativ sehr gute) Ernährung zurück, sondern auf den 4 Wochen lang fortgesetzten Versuch, mit alkoholfreiem Bier auszukommen. Bei einem solchen Unternehmen bin ich schon 1902 so heruntergekommen, daß meine Eltern dringend rieten, es aufzugeben. Ich habe nun ein bißchen leichten Wein (frz.) von einem Gönner in München bekommen. Er schickt mir vielleicht noch einmal 20 Fl., so daß ich bis zum Ende des Semesters durchkomme. Meiner Meinung nach wird der allgemeine Atem nicht sehr viel länger ausreichen. Indessen ........
Brosius hat eine Wiederannäherung angebahnt, der ich mich nicht verschlossen habe. Er kam am letzten Sonntag, ohne mich zu sprechen. Susanne fragte nicht ohne Recht, ob das mit der Aufhebung der
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| Heerespsychologie zusammenhinge. Aber das ist nicht der Fall.
Die Krogner hat in einem wortreichen Brief freundlich nach Dir gefragt. - Frau Petersen ist in Murnau.
Es ist fast 11. Ich werde für heute Schluß machen.

21. Juni vorm. bei 10°R.
Ich danke für die beiden, der Welt des Lebens entstammenden Beigaben zu Deinem lieben Brief herzlich. Sehr wünsche ich Dir, daß immer jemand in Heidelberg ist, der Dir etwas Eßbares zuträgt. Das Einmachen ist gewiß sehr notwendig, im Hinblick auf die sonstige Knappheit. Die Frage Deiner Reise und unsrer Reise würde - soweit nicht der Besuch bei Ruges im Vordergrunde steht, - am besten in Verbindung behandelt. Hier sind jetzt allgemein Zulassungskarten erforderlich. Ich bin einigermaßen hilflos gegenüber all diesen technischen Schwierigkeiten, hoffe aber, Anfang Juli so viel freien Raum zu bekommen, daß ich mich mit der an sich sehr wichtigen Frage beschäftigen kann. Denn - trotz Conti - so ohne jede Erholung geht es bei manchen schlechten Zeitgenossen eben nicht.
Viele innige Grüße. Natürlich auch von Susanne.
Dein getreuester
Eduard.

[li. Rand] Die große Frage der Zeit, die Du aufwirfst, sprengt einen auseinander, wenn man über sie nachgrübelt. Man muß sie in den Hintergrund zu schieben versuchen.