Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 29. Juni 1942 (Berlin/Dahlem)


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Dahlem, den 29. Juni 1942.
8 Uhr abends
Mein innig Geliebtes!
Seit gestern bin ich wieder so bodenlos erkältet - tiefsitzender Husten und fließender Schnupfen - daß ich heute um 9 Uhr ins Bett gehen muß. Ich möchte Dank und Bericht nicht länger aufschieben, bitte Dich aber, die stichwortartige Behandlung nicht als mangelnde Gefühlsbeteiligung zu deuten.
Dies gilt vor allem von der Erwähnung Deiner lieben, mir von Herzen teuren Gaben: das Heidelbergbuch ist - Ersatz unerfüllter Sehnsucht. Die Kuchen u. die Zigarren sind willkommen. Am schönsten, daß bei allem noch ein Wort von Dir dabei lag und daß ich am Abend des 27. um 9 Uhr Deinen lieben Brief in Stille lesen, Deine Nähe fühlen konnte, wie den ganzen Tag über im tieferen Bewußtsein.
Der Tag begann überraschend um ¼ 7 mit einem Gesangsständchen von (wie man sagt) 25 Studentinnen u. Studenten, unter in der Diele. 3 alte, religiös betonte Lieder, dirigiert (wie alles Studentische) von Frl. Jung. Als ich herunterkam, waren sie fort. Aber aufgebaut waren seltene Blumen, eine Orchidee in einer Riesen-Sèvres-Vase, 2 Bücher über Prag usw. Ida und Susanne waren natürlich die ersten, wohl auch die besten Gratulanten; dann die Sendbotinnen vom P.Fröbelhause u. vom Nachbar Hertz. Ich fuhr in die Stadt; im kl. Sprechzimmer
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| ein Riesenstrauß (Farbensymphonie von blau und goldbraun) von den Studenten, eine Wunderblume von Nic. Hartmann, andre vom Personal das auch gratulierend erschien. Die Vorlesung 9-11 sollte regulär stattfinden. Als ich um 9.20 den Saal betrat, war er bis auf den letzten Platz gefüllt. Alles stand auf und gab Sympathiekundgebungen für längere Zeit, aber - niemand sprach. Das Katheder war mit einer Girlande geschmückt; von ihr umfaßt ein Buch, in das die "Sonnabendhörer" Beobachtungen an Kindern u. Jugenderinnerungen handschriftl. eingetragen hatten. Da niemand sprach, hielt ich eine Ansprache über das Alter, über m. Auffassung vom akademischen Lehramt, über Deutschland, die draußen und die drinnen. Dann rollte das Kolleg ab. In der Zwischenpause erschien Prof. Dovifat mit Frau (m. Hörerin aus Leipzig, jetzt hört ihre Tochter bei mir.), dann Wenke, der mir die stattliche Festschrift mit wenig Worten in die Hände drückte. Du weißt vielleicht aus der DAZ, daß Sauerbruch u. sogar 2 Generäle mitgearbeitet haben. Nach der 2. Stunde waren unten Elisabeth Christ, geb. Borries, mit ihrem zehnjähr. Eberhard, Frl. Stock, das Wurm, der Sonderling Hausmann.
Um 12.10 war ich zu Hause. Dort warteten etwa 20 Besucher auf mich. Kernbestand blieben bis zum Schluß Litt u. Frau, Flitner, Wenke. Die anderen stehen auf der beigefügten Liste. Um ¾ 2 ging der letzte, der nicht wie die Genannten, zu Mittag geladen war. Litt
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| freute sich aufs Essen vernehmlich. Da erschienen, schwer bepackt mit Gaben, die beiden Japaner Senzoku u. Suga. Susanne, deren Organisation überhaupt nicht zu übertreffen war, ließ für die beiden noch Gedecke legen. Es gab Erstaunliches (mühsam beschafft von hinten), erlesenen Mosel, eine Rede von Litt, auf die ich nur erwiderte: ich hoffte in allem noch Fortschritte zu machen, in einem aber unverändert zu bleiben: in der Freundschaft und der Liebe. (Da auch die Festschrift nicht "offiziell" überreicht war, konnte ich auch darauf nicht formell erwidern.)
Die Japaner gingen, ich hatte 20 Minuten frei. Dann begannen Kaffeebesuche: der alte Nowald v. Dorotheenstr. 6, Klara Rauhut, Wallners, Erika u.s.w. cf. Liste. Um 18 Uhr erschien Planck, mit ihm Lockemann, die Ehepaare Lüders, Bertholet, wir waren ca 20. Planck überbrachte mit freundlichen Worten die Goldene Medaille der Goethe-Gesellschaft (Rückseite für den Empfänger geprägt.) Er sprach erst etwas atemknapp-feierlich, dann sehr herzlich. Ich erwiderte und schloß damit, daß er für uns die repräsentativ geistige Rolle spiele wie einst Goethe. Lockemann sprach für die Berliner G.G., "überreichte" Goethebüste von Klauer mit Säule, zusammen mannshoch. Er gedachte der Frau Spranger, was mir die Möglichkeit gab, in der Erwiderung ihr "vor der Front" zu danken. Gegen 7 Uhr ging die Mehrzahl. Flitner, Litts, Wenke blieben noch ½ Stunde, dann ließen alle uns Zermürbte (aber gründlich!) allein. Wir hatten noch ein Telefongespräch mit Kippenberg (Goethemedaille soll
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| nicht in Presse), mit Hans Honig. Die erkrankte Frau Karraß war nicht zu erreichen.
In der Nacht hatte ich die üblichen Bein- u. Zehenkrämpfe, die auch durch Pulver nicht zu dämpfen waren.
Am Sonntag nur wenig Nachklang: Haga, der am Abend nach Japan zurückreisen wollte, Wachsmuth und Thiele mit Sohn Gunnar, m. 3½ jährigen Patenkind. Am 27.6. früh waren 7½ R., am Sonntag noch weniger. Wir fuhren, um nicht erreichbar zu sein, zu den Potsdamern, natürlich auch, um zu erzählen. Heute früh war mir miserabel.
Das Haus ist ein Wald von Rosen, Orchideen und anderen Blumen. Der Tisch ist voll von wertvollen Büchern u. a. Goethes Handzeichnungen in Originalformat v. Kippenberg), [über der Zeile] Weine, Zigarren Ich erwähne das Porzellanmedaillon von F. d. G. (Porzellanmanufaktur) mit besonderer Widmung (v. Popitz, Finanzminister.), viele Bilder. - Die Telegramme erreichen 60 u. mehr, die Briefe bisher wohl 300. Ich habe heute schon begonnen, den offiziellen Stellen wenigstens zu danken.
Von den Besuchern hat man natürlich im Grunde nichts gehabt. Sie unter sich kamen z. T. recht gut in Gang. Mehr kann ich heute, wie gesagt, nicht schreiben. Ist der schöne Augenblick vorüber, so merkt man: er war eine Katastrophe. Es folgt, wie 1932, eine Epoche von Dankschreiben. Ich hoffe, wieder mehr oben zu sein, wenn du kommst. Aber reise mit Verstand, bring Dich nicht in überanstrengende Lagen, komme in unsre <li. Rand> (kraftlosen) Arme. Ich habe den 27.6. mit Dank an Dich begonnen, so schließe ich heute, so werde ich mein Leben beschließen. Innigst Dein Eduard.
[re. Rand] Lietzmann ist bei Locarno gestorben.

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Vormittags am 27.6. im Hause.
Haga - vor m. Ankunft.
Litts
Flitner
Wenke
Nicol. Hartmann
Heymann (Jurist.)
Titze         (")
Lentze (Sohn d. Ministers.)
F. Imhülsen
Ministerialrat Simoneit (v. Heerespsychologie.) } in Uniform
Brosius
Dr. Lüdtke
Dr. Gans
Dr. Schröder (Oberstdorf.)
Dr. habil. Helfried Hartmann
Eugen Fischer (berühmter Anthropol. Mittwochsgesellschaft.)
Senzoku
Suga
Nachmittags.
Klara Rauhut
Nowald (Portier Dorotheenstr..)
Reimesch (26.6.   80 Jahre.) Pfarrer aus Siebenbürgen.
Czell Student aus Siebenbürgen.
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Frl. Dr. Jung
Wallner
Klaus Wallner
Hedwig Koch.
Erika
Planck
Lockemanns: stellvertr. Vorsitz. der Berliner G.G.
Herr Bertholet mit Frau u. 6jähr. Enkel
Herr u. Frau Lüders.
Die vorigen: Litts, Filtner, Wenke.
Ein Telegramm auf den Tag, von Kotsuka
Ein Brief vom jap. Gesandten.