Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 29./30. August 1942 (Berlin/Dahlem)


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Dahlem, den 29. August abends.
Mein innig Geliebtes!
Zum 31. August kommt dieser Brief leider doch nicht mehr rechtzeitig. Am treuen Gedenken zum 39. Jubiläum wirst Du aber nicht zweifeln. Ich hoffe, Gutes von Dir über Deine Reise und Heimkunft zu hören. Die Gerüchte über Heidelberg waren - ich wünschte es lebhaft - nur eine Sage.
Wir gingen in Frankfurt bei schöner Beleuchtung am Main bis zum Römer und Dom trieben uns am Gr. Hirschgraben und in den alten Gassen umher, bekamen bei Heyland am Römerberg 2 Glas Schorle und eine Scholle. Zuletzt saßen wir im Mondschein auf einer Gepäckträgerbank vor dem Bahnhof. Die Fahrt im Liegewagen ging ganz glatt. In Potsdam stiegen wir aus und gelangten über Lichterfelde nach Hause.
In Berlin war in der vorangehenden Nacht ein einzelner russischer Flieger gewesen. Er hatte eine Sprengbombe gerade auf Dahlem
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| geworfen. Unsre Hausgenossen waren durch die Detonation recht erschreckt worden. Getroffen wurde die Gegend an der Podbielski-Allee, z. B. die Häuser von Wiegand, Frl. Kunth und gegen 20 andere. 1 oder 2 Tote. Wir besuchten Frl. Koch, die nahe wohnt. Dort war nichts geschehen.
Von den Koffern ist bis heute Abend nur Susannes eingetroffen. Und Deiner?
Da die vorgefundene Post maßvoll war, machte ich mich gleich an die Restarbeiten für Goethe. Heute Nachmittag sind die Druckunterlagen bereits nach Leipzig abgegangen. Gestern nachm. waren wir bei herrlichem Wetter in Wannsee; aber die Absicht zu rudern scheiterte. Heute Nachm. kam Frau Dr. Karraß, dann eine Mutter, die wegen eines schweren Schizophrenieanfalles Rat suchte.
Mein Gönner in München hat mir unaufgefordert 30 Fl. frz. Rotwein geschickt. Trotzdem bleibe ich vorläufig beim Tee.
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Die Japaner haben angefragt, wann das von mir zu schreibende Buch käme, und "Das Reich" will wieder einen Artikel haben. Aber ich werde kaum sehr leistungsfähig sein. 3 Wochen tun keine Wunder und die Ernährung hier ist schmal.
Gestern hatte ich wieder erheblich störende Druckschmerzen am Oberkiefer. Ich habe den Saugring einfach entfernt. Seitdem ist es sofort gut geworden, und es geht auch so.
Meinecke fand ich gestern sehr pessimistisch fürs Ganze - so und so. Seine Frau ist nach Saarbrücken gefahren, um Agathe zu holen. Sie ist - nach der Entfernung des Splitters aus dem Bein - wohl frühestens in 10 Tagen reisefähig. Ich habe ihm den Tip mit den Liegekarten von Mannheim gegeben.
Was ich über unsre gemeinsame schöne Zeit in K. noch sagen wollte, muß leider im Herzen verborgen bleiben. Ich bin doch zu müde. Der bevorstehende Wetterwechsel ist wohl beteiligt. Du fühlst alles ja selbst. Innige Wünsche und Grüße, auch von Susanne. Dein Eduard.
[re. Rand] An Frau Hartmann u. Öppingers habe ich geschrieben.

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30.VIII.
Die Nacht hatten wir wieder von ½ 12 - ½ 2 Alarm. Es wurde zeitweise geschossen, aber es kam nicht zu stärkerer Entwicklung. Hingegen soll nach tel. Mitteilung von Lenchen B. Cassel - 2 Nächte nach unserer Durchfahrt - ganz fürchterlich mitgenommen sein. - Eben war Anneliese Maier da. Nachm. wollen wir zu den Potsdamern.
Ich schreibe nichts als Briefe. Aber das Loch ist doch nie zu stopfen. Habe Nachsicht, wenn ich hier nichts Gescheites mehr zustande gebracht habe.
Dein getreuester
u. dankbarer
E.