Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 13. September 1942 (Berlin/Dahlem)


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Dahlem, den 13. September 42.
Mein innig Geliebtes!
Du mußt schon Nachsicht haben, daß ich Dir so lange nicht geschrieben habe und nicht einmal für die symbolische Feder zum 31.VIII gedankt habe. Die "innere Schwungkraft" fehlt wohl noch nicht ganz. Aber mit der äußeren ist es doch nicht mehr so, wie bei den ersten Federn dieses Sinnes. Es sind eben schon manche ausgerupft worden.
Ich habe seit Montag dem 31. August unablässig an Friedrich dem Großen gearbeitetet. Die 10 Tage, die ich dafür angesetzt hatte, haben bei weitem nicht ausgereicht. Heute ist es schon der 14. Arbeitstag, und noch immer bin ich mit den Anmerkungen noch nicht fertig. Dazu mußten hunderte von "Stellen" verteilt werden; zweimal mußte ich stundenlang auf den Lesesälen tätig sein, um alte Bücher einzusehen. Es passierte dann noch eine Panne mit dem de Catt, über den ich noch eine falsche Ansicht hatte. Dies allein hat einen ganzen Tag gekostet. Wenn es gut geht, werde ich Dienstag Abend endlich fertig. Es hat
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| mich auch die bekannte Autorennervosität gepackt; deshalb ließ ich wenigstens den Haupttext schon nebenher von Frau Rosen abschreiben. Denn ein zweites Mal gelänge es mir nicht so. Ich glaube aber, daß es mir nun besser als allen meinen Vorgängern geglückt ist, besser auch als Zeller. Es ist die höchste Zeit, daß ich auch wieder zu anderen Pflichten komme, die mich innerlich schon längst drängen.
Allerdings sind wir in den herrlichen Tagen auch ein paarmal draußen gewesen: so mit Bärbel im Grunewald, mit Sabine in Ferch, und am Donnerstag bei dem General von Voß in Waldsieversdorf. Dieser Ausflug bedeutete eine Hin- und Rückreise von zusammen 6 Stunden für einen - dann recht angenehmen - Aufenthalt von 3 Stunden. Wir hatten nicht viele Besuche, haben unsrerseits nur Frl. v. Glasenapp und Frankes aufgesucht. Natürlich waren Eulenburgs da. Aber heute habe ich buchstäblich von ½ 12 bis 8 Besucher gehabt. Der zweite war der merkwürdige Dr. Hübschmann aus Eurer Gegend.
Frau Meinecke und Agathe sind wieder hier. Susanne hat die erstere gesprochen.
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Infolge meiner arbeitsamen Lebensweise habe ich auch heute garnichts von Belang zu erzählen. Ich hoffe, daß Du wieder im geordneten täglichen Lebensgange drin bist und daß Du mit der Verpflegung keine zu großen Schwierigkeiten hast. Heidelberg selbst ist wohl - Gottlob - nicht betroffen. Es geht ja nach einem latenten Plan weiter. Wir hatten vor 4 Tagen schon um 11 für 2 Stunden Alarm. Man hörte aber nur ganz von fern schießen. Erfahren hat man darüber nichts.
Für die nächste Zeit ist ein ziemlicher Andrang von Leuten zu erwarten, die etwas wollen. Jedoch planen wir, am Mittwoch mit Glasenapps nach Strausberg zu fahren. Ob dann das äußerst verlockende Wetter noch anhält, ist ja fraglich. Aber Du weißt: um diese Jahreszeit werde ich naturhungrig.
Susanne grüßt Dich herzlich. Und ich bin Dir - auch ohne sichtbare Zeichen - im Geiste des Friedens von Königstein immer nahe. Die Bilder vom "Schönewässerchen" sind besonders lebendig. Es war doch "unser Stil".
Innigst
Dein Eduard.