Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 21. September 1942 (Berlin/Dahlem)


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Dahlem den 21. Sept. 42.
Mein innig Geliebtes!
Eine etwas ausgeschriebene Hand; denn ich habe heute 17 solche Seiten selbst abgeschrieben, einen Aufsatz, der für das "Reich" bestimmt ist und der in 1½ Tagen (mit Abschrift) entstanden ist. Am 16.IX. früh habe ich den "Philosophen v. Sanssouci" (66 große Schreibmaschinenseiten + 95 Anmerkungen) in den Druck gegeben. Ich habe das Gefühl, daß das eine meiner besten historischen Arbeiten geworden ist. Hoffentlich täuscht es nicht. Die Liebe zum Thema ist bei mir ca 34 Jahre alt. In einer obskuren amerikanischen Zeitschrift hat schon einmal (ca 1908) etwas von mir darüber gestanden.
Der Aufsatz von Litt ist gegen eine bestimmte, sehr moderne Adresse gerichtet. Der Vitalismus (im Gegensatz zum Mechanismus) allein bringt noch nicht die Rettung. Der Kerngedanke ist, daß der Mensch überhaupt sich als Lebewesen transscendiert, weil er vermöge des Geistes sich inmitten des Reichs des Lebens zu denken vermag. Dies kann kein anderes Tier, auch dann nicht, wenn es vitalistisch integriert wird.
Von dem Glaubensaufsatz kannst Du von mir
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| s. Z. 5 Sonderabzüge haben, wenn ich die erbetenen 50 erhalte.
Der Verlust von Frau Boutmy [über der Zeile] Buttmi? bekümmert mich mit Dir. Wir leiden viele solche schweren Schicksale mit. Daß Heinzens Todesnachricht erst vor 1 Jahr eintraf, ist mir überraschend. Ich dachte, er wäre schon im vorigen Hochsommer gefallen. - -
Wir haben den letzten, noch überwiegend schönen Tag am 16.IX. gefaßt, um mit Glasenapps die Fahrt nach Strausberg zu machen. Die Fleischtöpfe dort waren seit vorigem Jahr sehr viel kleiner geworden. Am 18.IX. waren wir in einem, von einem Japaner dirigierten und zur Hälfte selbst komponierten Konzert in der Philharmonie. Programmusik Lisztschen Gedenkens buchstäblich mit den Posaunen v. Jerichow. Neben uns saß Graf Strachwitz vom A.A., der mit dem dem A.A. gelieferten, von mir noch nicht gesehenen kl. Artikel sehr froh war. Am gleichen Tage erfuhr ich, daß Kotsuka (Inhaber der Humboldt-Medaille der Deutschen Akademie!) am 1.IX. zum japanischen Leiter des dtsch-jap. Kulturinstitutes Tokyo ernannt worden ist, also (indirekt) zum Nachfolger Tomoedas.
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| Sonntag Vorm. besuchten uns Frau Lietzmann mit den 2 Töchtern und Laportes, die durch die (uns längst bekannten) Methoden, einen Teil der Bevölkerung loszuwerden, sehr aufgestört waren. Nachm. mit Hedwig Koch an der Havel bei Lindwerder.
Heute war es wieder warm und schön. Aber es wird nicht lange halten. Der Mond ist bedenklich groß. Bremen war an der Reihe; nun sogar München. St. aber will nicht wanken. Seltsame Verteilung der Kräfte über Europa!
Nach einer ziemlich zuverlässigen Nachricht beginnt das Semester erst am 1.XII. Ich werde mich also dem Japanbuch zuwenden können und müssen.
Wenke war hier. Wir haben in der Alten Fischerhütte im Freien Mittag gegessen. Er war noch in Prerow an der Ostsee gewesen. Hingegen ist Anderl Witting von Swinemünde nach der Biscayaküste gekommen. - Man arbeitet so weiter, als ob die Welt auch so weiter gehen würde. Aber die Straßen Berlins sind erschrecklich leer, und manche Mägen auch. Hoffentlich nicht der Deinige. In den Läden gibt es nichts; nicht einmal Klebestreifen, die Susanne besorgen sollte.
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Obwohl fast jeden Tag jemand kommt, ist es einsam hier. Es fehlt der regelmäßige Verkehr mit einem Mann, der im Leben steht. Vielleicht läßt sich mit Bork etwas anspinnen. So können wir nicht gut bis zum Dezember weiter existieren.
Daß von Frau H. Hartmann keine Nachrichten kommen würden, war zu erwarten. Ich weiß auch nicht, ob ich ohne die obwaltenden Sondermotive gern wieder hinginge. Die Lietzmannfrauen wollen in den "Ochsen" nach Überlingen zur schmerzlich verdienten Erholung. Frau Petersen ist wieder in der Wespengegend gewesen. So blüht eigentlich allen mehr als uns. Aber das soll kein Zeichen von Unzufriedenheit sein. Ich habe in diesem Jahr so belangvolle fremde und eigne Mss. für den Druck fertig machen, bzw. fördern können, daß ich nicht klagen darf. Nur brauchte man einmal wieder ganz ungetrübten inneren Sonnenschein. Aber auch der gute Leutnant, der neulich aus Finnland kam, sprach noch von 3-4 Jahren. Dazu wird wohl Auffüllung aus der Ukraine sehr nötig sein.
Sonst weiß ich nichts. Ich grüße Dich innigst und hoffe, daß Eure Nächte ruhig sind. Susanne schließt sich an.
Dein getreuester
Eduard.