Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 1./2. Oktober 1942 (Berlin/Dahlem)


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Dahlem, den 1. Oktober 42.
Mein innig Geliebtes!
Heute habe ich einen bestimmten Anlaß zum Schreiben, möchte Dir aber zuvor für Deine schönen Obstsendungen etc. herzlich danken und Dir einen kurzen Bericht über unsere Existenz geben. Es ist sehr viel lebhafter geworden, seitdem der eigentliche Sommer vorüber ist. Schon kommen einzelne Studenten und Promovenden. Wir hatten Besuch von Cysarz (herabgestimmtem Enthusiasten) und von Lüdtke. Mit Günther bin ich spazierengegangen. Am Sonntag begann die Goethe-Gesellschaft mit einem schönen, erfolgreichen Vortrag von Pyritz (dessen Thema ich in Frankfurt am Goethehause angeschlagen gesehen hatte.) P. ist der viel umstrittene Nachfolger von Petersen. Heute Vorm. haben wir an der Trauerfeier der mit 86 Jahren entschlafenen Frl. Mai (meiner ältesten Freundin, seit 1885) in Baumschulenweg teilgenommen. Wir haben dann in der Stadt gegessen und ich bin um ½ 3 mit Sabine u. ihrer Freundin nach Tegel hinausgefahren. Dort besichtigten wir das Schloß, den völlig ver
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|wahrlosten Park, gingen durch den Wald nach Tegelort und saßen bei herrlichstem Wetter am Wasser. Eben bin ich heimgekommen.
Nach den Restarbeiten für F. d. Gr. habe ich eine ung. Dissertation über Plato sorgfältig durchgearbeitet, habe einen Artikel für "Das Reich" geschrieben, einen anderen, der an die Spitze einer deutschen Zeitschrift für Kriegsgefangene kommen sollen, und noch einmal den Vortrag über "Psychologie des Glaubens" vor etwa 44 Pfarrern in Steglitz gehalten. Nunmehr ist es Zeit an das von der Jap. Botschaft bestellte Buch über jap. Kultur heranzugehen. Ich habe soeben eine englisch geschriebene Geschichte Japans von 400 Seiten gelesen. Man wird dadurch kein Japankenner. Infolgedessen habe ich mich so gut wie endgültig entschlossen, einfach meine Reiseerlebnisse zu schildern und, soweit ich kann, Kulturreflexionen einzuschalten. Da ich noch bis zum 1.XII. Ferien habe, will ich gleich mit der Sache anfangen. Im Zusammenhang damit kommt meine Frage an Dich. Ich muß natürlich alle Erinnerungen so sehr wie möglich auffrischen. Könnte ich zu
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| diesem Zweck die aus Japan an Dich geschriebenen Briefe im Original haben oder würdest Du vorziehen, sie für mich abzuschreiben. Wenn letzteres, so käme es nur auf die Berichtteile, nicht auf das Persönliche an. Ich müßte aber die erste Hälfte etwa am 24.X. haben. Mehr als 20 Briefe werden es schwerlich im ganzen sein. Ich schreibe natürlich in chronologischer Reihenfolge und wäre zufrieden, wenn ich bis zu dem genannten Termin die Nachrichten bis zur Reise nach Korea haben könnte. Entscheide Dich bitte so, wie es Dir am gelegensten ist. Wenn Dir das Abschreiben zu viel Mühe macht (z. B. auch für die Augen), so werde ich mir aus den Originalen Auszüge machen, zunächst für die Aufstellung sogenannte Regesten, d. h. eines Tageskalenders mit den Hauptereignissen. Die geeignete Form der Darstellung (und der Verschweigungen) zu finden, wird natürlich noch viel Mühe machen. Wen soll man und darf man erwähnen? Was darf man kritisieren? Wie weit kann man auf Politisches eingehen etc.? Alles muß sehr anschaulich sein, und der Leser darf nicht durch die fremden Namen erdrückt werden.
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Den Aufenthalt vom 12-15.X. in Freienwalde (Hotel Demuth) habe ich für uns dadurch ermöglicht, daß ich am 12.X. dort einen Vortrag über Japan halten werde. Für 2 Tage kommt Hedwig Koch mit. Am 21.- 23.X. habe ich 6 Stunden im Institut Göring (Vetter?) für Ärzte der Luftwaffe über Entwicklungspsychologie zu lesen. Viel Zeit werden auch die zu erwartenden Korrekturen von Goethe und Friedrich in Anspruch nehmen. Das Semester erfordert diesmal nicht viel Vorbereitung.
Ich habe in den letzten Tagen 300 M postnumerando überwiesen. Meine Zigarrenrechnung ist noch nicht dabei.
Wir bekommen wahrscheinlich Einquartierung, und wohl SS.Mann. Ich habe aber darauf hingewirkt, daß es kein Offizier, sondern ein Unteroffizier wird. In der unmittelbaren Nachbarschaft ist viel Trauriges geschehen; u. a. ist Frau Bernsdorf gestorben.
Hoffentlich habt Ihr auch noch so einen schönen Nachsommer. Vorgestern war bei uns allerdings ein Gewitter von 1½ Stunden.
Viel innige Wünsche und Grüße
Dein
Eduard.

[li. Rand S. 1] Heute (2.X.) kam Dein lieber Brief. Hoffentlich hat sich der Hexenschuß verzogen!