Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 28. Oktober 1942 (Berlin/Dahlem)


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Dahlem, den 28. Oktober 42.
Mein innig Geliebtes!
Es ist unglaublich lange her, daß ich Dir nicht geschrieben habe. Aber Du wirst es verstehen, wenn ich Dir die Dinge herzähle, mit denen die letzten Wochen erfüllt waren. Seitdem ich die mir gütig geliehenen Japanbriefe, die eingeschrieben eingetroffen waren (wo läßt Du denn die Einlieferungszettel?), für die "Agenda acta" benutzt hatte, bin ich völlig aus der Japanarbeit herausgerissen worden.
Dies geschah zunächst durch die 4 Tage in Freienwalde, die vom Wetter begünstigt waren, [re. Rand] 2 Tage mit Hedwig Koch aber unter Verstimmungen litten. (Es ist eben nicht unser Stil auf Reisen.) Nach der anstrengenden Hinfahrt über Wriezen hielt ich sogleich den Vortrag über Japan in den völlig dunklen Saal des früheren Gymnasiums hinein. Es waren 300 Leute da, aber nur meine Pultlampe brannte, weil der Saal nicht verdunkelt werden konnte. Das Logis war passabel, die Verpflegung gut, wenn man viel Marken abgeben konnte.
Bei der Rückkehr war ungewöhnlich viel Post eingetroffen und wider ihrer Gewohnheit Ida im Verstimmungsstadium. Copei und
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| Bernhard Schwarz besuchten uns. Ich mußte nun 6 Stunden Vorlesung über "Entwicklungspsychologie" - für die Wehrmachtbetreuungssanitätsoffiziere der Luftwaffe vorbereiten, die am 21.-23. Oktober stattfanden. Als ich am Freitag zu Ende war, verlangte man mehr, und ich mußte am Montag 2 Stunden zugeben. (Lauter sehr nette, dankbare Leute.) Am Sonnabend konnte ich endlich Meinecke, der etwas krank gewesen war, wieder besuchen. Sein 80. Geburtstag ist am 30.X. (Dahlem, Hirschsprung 13.) Du wirst noch telegraphieren können. Mitten hinein in diese Aufgaben kamen am Sonntag die Korrekturen des "Philosophen von Sanssouci", die sofort erledigt werden mußten und heute Vormittag fertig geworden sind. 60 Seiten - eine sehr nervös machende Kleinarbeit.
Außerdem haben wir uns "ungesund" viel Konzerte gestattet:
Sonntag  18.X.  Staatskapelle, Karajan, u. a.
Eroika.
Sonntag  25.X.  Hinze-Reinhold (Klavier), u. a.
Wanderer-Phantasie. Dessoirs dort
Dienstag  27.X.  Philh. Orchester, Furtwängler, zum 1. Mal gehört. - Hauptpunkt
Bruckner V, unbeschreiblich gewaltig.
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Freitag folgt noch der Pianist Bork, diesmal wird Sabine mitkommen.
Nimmst Du hinzu, daß allerhand Besuche kamen, z. B. Herr Niemeyer (neue Aufl. der "Lebensformen"), Frau Öppinger (unerwartet und im Moment wenig gelegen), 2 Chinesen, daß ich Frl. Lehmann besucht habe, die 82 ist, - dann wirst Du begreifen, daß nicht nur alle Korrespondenz, sondern auch sonst Stöße von Sachen unerledigt geblieben sind. Und dabei wollte ich doch in den Japanstudien ein beträchtliches Stück vorwärtskommen. Heute meldet sich schon wieder das Luftgauamt Berlin wegen 2er Vorträge, die ich nun aber ablehnen mußte.
Deine Japanbriefe muß ich leider hier behalten, solange die Arbeit an der Sache läuft; denn ich kann sie nicht auswendig lernen. Ich danke Dir für das "Vertrauen." NB: ich habe 2 Briefe von Spengler.† Die Nichte hat mich um sie gebeten. Trotz stundenlangen Suchens hat sich nur einer von ihnen gefunden.
Nächste Woche wird das Haus gesperrt. Ein Schild wird angebracht: "Klingeln zwecklos." Ich muß mal wieder richtig arbeiten. Aber am Freitag muß ich noch die 2 Anfangsvorträge jenes Sanitätskreises einem Stenographen nachdiktieren, am Sonnabend kommt Wenke, am Sonntag Frl. Besser. - In 1 Stunde gehe ich zur 1. Mitt
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| wochsgesellschaft zu Penck.
Deine Tage in Ober-Dielbach waren leider nicht ganz das Erhoffte. Aber nach dem sehr schlechten Sonntag wird es auch bei Euch schön geworden sein. Hier ist es noch heute herrlich, letzte Herbstfärbung. Wie geht es der kleinen Buttmi? Dein Hauswirt verliert leider alle die idealen Qualitäten, die er hatte. Er drängelt Dich auf das Minimum von Ansprüchen zurück. Man sollte alles schriftlich ausmachen; guter Wille hält nicht immer vor.
In meiner Tatenliste habe ich noch vergessen, daß als sehr langer Besuch der Kollege Bollnow aus Gießen da war (wir am gleichen Tag vorher bei Frau Petersen) und als langer Besuch Dr. Erika Hoffmann. Hinterher war im Harnackhause die 1. Goetheveranstaltung (gut) mit 300 Besuchern.
So, nun ist der Zusammenhang wieder hergestellt. Ich mache noch darauf aufmerksam, daß jetzt anscheinend alle möglichen Gerüchte planmäßig lanziert werden, auf die man nicht hereinfallen soll.
Ich hoffe, daß Du den Herbst noch draußen genießen konntest und daß Du gesundheitlich gut in Ordnung bist. Herzliche Grüße von Susanne, und das innigste Gedenken von
Deinem
Eduard.

[li. Rand] Der Korb ist nach O. Dielbach zurückgegangen. Wir sind sehr dankbar.
[li. Rand S. 1] Wir haben sei 2½ Wochen Einquartierung (Oberfeldwebel.)