Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 13. November 1942 (Berlin/Dahlem)


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Dahlem, den 13. November 42.
Mein innig Geliebtes!
Ehe ich für Sonntag Mittag bis Dienstag Mittag zur Sitzung des Goethe-Gesellschaftsvorstandes nach Leipzigx) [re. Rand] x) Hôtel Sedan am Hauptbhf. fahre, möchte ich Dir noch dies Blatt senden. Du hast also die Zeichnungen schon hinter Dir? Ich würde gern einmal sehen, was man von der Psychatrie zeichnen kann. Die Inlandsausgaben vom "Reich" enthalten meinen Artikel nicht. Er ist wegen seiner Länge nur in der Auslandsausgabe erschienen. Eigentlich soll man solche Gelegenheitssachen nur selten übernehmen.
Wir haben ja noch immer Ferien. Aber ich bin seit 14 Tagen nicht mehr produktiv, wie ich auch für jedermann sichtbar zusammenschrumpfe. An der Ernährung, die in der letzten Zeit großartig war, liegt es nicht. Dem armen Fritz Imhülsen geht es mit seiner wieder aufgetretenen Anämie noch schlechter. Ich habe seit einigen Wochen nur japan. Geschichte gelesen. Das setzt sich noch nicht genügend in Bilder um. Die schrecklich vielen Namen und das immer hineinspielende Chinesische sind eine harte Sache für ein altes Gedächtnis. Unsre Japanfreundschaft ist ja auch nur so so: in der Schule würde man sagen: "es geht kein anderer mit mir". Es waren auch viel Ablenkungen durch kleine Besuche etc. Am Sonntag waren wir in Potsdam.
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| Mittwoch war M.-Gesellschaft bei Popitz mit Vortrag von v. Hassell. Heute war die kleine Steinbrecher aus Darmstadt bei uns, von der Du wohl noch nichts weißt. Meinecke hat mich und ich habe ihn besucht. Denn es ist ja jetzt viel zu besprechen. Ein sehr Sachverständiger sagte mir, es sei schlimmer als 1806. Ich habe gerade den langen Roman "Vor dem Sturm" von Fontane zu Ende gelesen und mit Bedauern aufgehört, daß ich nicht mehr jeden Abend in diese gute Gesellschaft gehen kann. Gestern habe ich ein gutes Ms. von Radbruch über Fontanes Religion gelesen. Welche Perspektiven eröffnen sich eigentlich? Was am Rande des anderen Erdteils liegt, scheint erledigt. Stalingrad scheint eine böse Enttäuschung, und im Kaukasus ist schlechtes Wetter, das natürlich jeden Fortschritt hemmt. Der Winter fängt schlecht an.
Sei aber nicht zu sparsam mit dem Elektrischen Ofen. Dazu ist er doch da. Weißt Du Neues über Günther? Seinem Beruf prophezeie ich keine Zukunft. Alles ist seit 8 Tagen verändert. Aber Neues weist ja auch neue Kräfte auf; ich hoffe: auch bei mir. Im Augenblick fehlt es daran. Es ist ja auch nicht erhebend: man arbeitet Tag für Tag und nichts kommt heraus. - Ich soll für Belgrad einen Prof. der Päd. beschaffen; aber das A.A. rührt sich wieder einmal auf Anruf nicht. Also nicht! Einer, der mit R anfängt, soll mich für eine sehr repräsentative Gelegenheit deutsch-italienischer Art zum Redner bestimmt haben. Ich habe davon nichts gehört. (!) <li. Rand> Es wird ja nun wohl auch nichts daraus werden. - In Leipzig hoffe ich die Freunde zu sehen. Susanne <re. Rand> bleibt hier u. genießt zum 80. Geburtstag v. G. Hauptmann, Kayßler welcher uns Karten geschickt hat.
<Kopf>
Viele innige Grüße Dein Eduard.

[li. Rand S. 1] Frl. Dr. Jung hat bei ex - Flora Imhülsen ein Zimmer gefunden. Beide fürchten sich vor der beiderseitigen Energie. - -