Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 30. November/1. Dezember 1942 (Berlin)


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30.XI.42.
Mein innig Geliebtes!
Es ist schon ¾ 11. Wir haben Kayßler im Potsdamer Theater Goethe lesen hören und sind erst im ½ 10 nach Hause gekommen. Aber da übermorgen des Semester anfängt, wird in den nächsten 10 Tagen nicht viel Freizeit zum Schreiben sein.
Ich danke also zunächst für Deinen lieben Brief vom 22.XI., der leider mit den schmerzlichen Nachrichten über Günther schloß. Wie lauten die Nachrichten seitdem? - Ein Penckenkel (der jüngere) ist in Afrika gefallen. Wir waren wohl mit ihm auf der Aschauer Alm oder so? Ferne Zeiten!
Inzwischen ist viel vorgefallen und eigentlich nichts Gutes. Am bedenklichsten scheint mir die augenblickliche Lage im Osten. Man sieht nicht klar. Die Heeresberichte haben etwas Verschleiertes. Aber sieh Dir mal die Lage von Toropetz an und von dem Knotenpunkt südlich davon -
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Ich bin aus meiner Arbeit herausgerissen worden, weil ich nun tatsächlich bei Eröffnung der "studia humanitatio" hier - einer italienischen Hausgründung ohne Haus, für die deutsche Seite reden soll. Erst sprechen die Minister Bottai u. Rust, dann der Italiener Riccobono lateinisch!, dann ich deutsch, zuletzt der hiesige italienische Kollege Grassi, der aber nichts mit der Grassistr. zu tun hat. Erst sollten mir 30 Min. zustehen, nun nur 20. Je kürzer, desto schwieriger. Ich habe mich um "Humanität" auch lange nicht eingehender gekümmert. Denn wir hatten das ja abgeschafft. Mitten in Konfuzius und Bushidō, muß ich also wieder auf dies europäische Pferd steigen.
Ich war im Ganzen nicht arbeitslustig, vielleicht im stillen zum ersten Mal durch die sehr wichtigen Ereignisse doch um die stoische Ruhe (der sicheren Erwartung) gebracht. Nun setzen 4 verschiedene Dinge fast gleichzeitig ein, und dazu kommt noch am 14.XII. ein Vortrag für Luftwaffenoffiziere in Merseburg. Es ist also bis Weihnachten genug Ablenkendes vom Hauptthema, nämlich von Japan, da (welches dieselbe Seeschlacht gewonnen hat, wie auch die Amerikaner).
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Wir hatten Besuch von der netten kleinen Steinbrecher aus Darmstadt, dem reizenden 80 jähr. Forstmeister Faber aus Lüneburg, gestern - Susanne war im Weihnachtsoratorium - von Dr. Bork. Wir waren zum Hauskonzert im Pfarrhause der Neuen Kirche und anschließend in einem hundeschlechten Vortrag über Japan, vorgestern kurz bei Frankes die alt werden.x) [Fuß] x) auch bei Emges; er ist ein ganz alter Pg; indessen ........ ferner bei Wallners. Auch die Mittwochsgesellschaft war in voriger Woche an hervorgehobener Stelle; ich saß neben Sauerbruch, mit dem es noch netter wäre, wenn er nicht so schlecht hörte. 6.I soll die Sache bei uns sein.
Neugierig bin ich über Dein Urteil betreffend Dschingis Khan. Wenn es Wert hat, würde es zu m. ostasiatischen Orientierung jetzt auch sehr gut passen. "Vor dem Sturm" werde ich Dir senden. Das "Leben der Bienen" folgt später, kann aber nur 14 Tage entbehrt werden.
" Wölfchen", der beim Militär geblieben ist, hat einen höflichen Brief geschrieben. Du und wir werden uns dort wohl zu Weihnachten noch einmal dankbar melden. Weihnachtsgeschenke kann man dies Jahr nicht machen. Ich schlage vor, daß wir uns beiderseits nicht mit dem Versuch dazu quälen.
An den Werdeplatz habe ich 300 M überwiesen. Ich bleibe nun hinsichtlich der Zigarren immer noch in Deiner Schuld. Übrigens habe im Augenblick nur noch wenig über 120 Stück.
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In meinem Kopf gehen mehr Gedanken herum, als in solchen Tatsachenbriefen zum Ausdruck kommen. U. a. beschäftigt mich seit langem die Veränderung, die mit mir seit 1934 vorgegangen ist. Ich finde, daß ich sehr viel weniger hilfs- und opferbereit bin als bis dahin. Der Coelibatär legt eben doch sein Interesse mehr aus dem Hause heraus. Außerdem bin ich für alle Verwaltungssachen, für Öffentliches und Praktisches so ungelenk geworden, daß niemand mehr ahnt, wie sehr ich früher auch in dieser Richtung tätig war. Dies beruht z. T. darauf, daß man hinausbugsiert wurde und sich hinaushalten wollte, teils auf den vorgerückten Jahren, in denen man auch sonst weniger mit s. Zeit leben würde. Ich habe heute mit Sabine ihren Studienplan beraten. Dabei schien es mir, als ob die Un. Berl. überhaupt nichts mehr von Wert zu bieten hätte. Das ist nicht nur Folge des Krieges, sondern eines systematischen Zerstörungswerkes, das bereits nach 10 Jahren vollen Erfolg verzeichnen kann. Nehmen wir im großen den Ernstfall - wer ist eigentlich noch da?
Morgen werde ich mit Frau Petersen zu dem Bildhauer Scheibe gehen, um eine Büste von Petersen anfertigen zu lassen für Weimar. Meinecke ist ganz munter. Habt Ihr nichts von dem Großangriff auf Stuttgart gemerkt? In Turin muß es sehr übel sein. Ich bin nun ziemlich müde und werde morgen wohl nur noch ein kurzes Wort hinzufügen können.
Gute Nacht! Dein Eduard.

[] Gestern Abend Kayßlers Goethevorlesung in Potsdam hat mich nicht sehr befriedigt. Schade!

<li. Rand>
1.XII. Die Post teilt heute früh mit, daß ein Packet von Dir eingetroffen sei - leider beschädigt. Wir haben es noch nicht abholen können.
<re. Rand>
Viele herzliche Grüße von uns beiden. Und warme Wünsche!