Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 13. Dezember 1942 (Berlin/Dahlem)


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Dahlem, den 13.XII.42.
Mein innig Geliebtes!
Deine beiden lieben Briefe enthielten Trauernachrichten, denen ich das Hinscheiden von Frau v. Strümpell mit 86 Jahren entgegenzustellen habe. Bei der Tochter von Frau Drechsler ist mir nicht ganz klar, ob sie in Eisenach oder in Heidelberg gelebt hat; Die Bestattung war doch in Heidelberg?
Susanne hat am zuständigen Ort nach dem "Hutten" gesucht, aber ihn nicht gefunden. Das werde ich in den Weihnachtsferien selbst unternehmen müssen. Hast Du noch in Erinnerung, wie das Buch aussah? Vielleicht ein Inselbändchen?
Beunruhigend sind mir Deine beiden Fälle. Wie konnte das so schnell hintereinander passieren? Ihr hattet Glatteis (wir am Tage bis zu 7°.) Sieh doch einmal Deine Sohlen und Hacken an, ob da etwas nicht in Ordnung ist. Du weißt, daß bei "alten Leuten" solche Sachen sehr unangenehm werden können. - Hingegen habe ich mich über die Besserung in Günthers Befinden sehr gefreut.
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Es ist hier in der letzten Woche sehr bunt zugegangen und geht noch so weiter. Am Sonnabend 5.XII. Blitztelegramm, der Min. wünsche die Vorlegung meines Vortrages für den 7. bis Sonntag 12 Uhr. Wir schickten Sonntag Vorm. Ida mit genauesten Instruktionen ins Min. Am Montag früh kam ein Kreuzfeuer von Telegrammen und Telephongesprächen - der Min. bitte um das Ms. Man hatte es - typisch - nicht einmal weitergegeben. Um 14 Uhr gab Rust im Hôtel Bristol für Bottai u. Riccobono aus Rom ein Frühstück. Ich saß zwischen Grassi und unsrem neuen Referenten, der mein Hörer gewesen ist und einen ordentlichen Eindruck macht. Mitten drin rief R. zu mir herüber: Herr Prof. Sp. Prosit.¹) [li. Rand] ¹) Am Abend sagte er nur: "Sie haben schon verstanden, wie's gemeint war. Das war eine vornehme und würdige Sache." Im übrigen bin ich ihm aus dem Wege gegangen - wohl gegenseitig Das war im wesentlichen die Antwort. Um 16½ in der alten Aula (mit Blumen geschmückt) war dann der Aktus, zu dem die Italiener (!) eingeladen hatten. Erst sprach oder pausierte sprechend R., dann Bottai (reiner Araber), dann Riccobono auf Lateinisch zugunsten des röm. Rechtes, dann ich (mit fühlbarer Wirkung), obwohl schwach voll bei Stimme. Dann Grassi. Herr Bottai applaudierte hinterher noch persönlich zu m. Sitz herüber. Um 20 endlich hatten die Italiener zu Adlon eingeladen. Essen nicht übel, Wein
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| und Sekt (massenhaft) excellent. Ich lernte sogar unsren Rektor und Prorektor kennen, welch letzterer neben mir saß, sonst Viehseuchen bekämpft u. ein harmloser Mensch ist. Mein Kurs war auf einmal gestiegen. Erst nach Mitternacht kam ich nach Hause.
Am nächsten Tage ging es um 14 Uhr mit einem Frühstück des Herrn v. Weizsäcker bei Adlon weiter.²) [re. Rand] ²) Hier lud mich Herr Bottai ein, im nächsten Frühjahr Vorträge in Florenz und Rom zu halten. Der Übersetzer fügte von sich aus hinzu "vielleicht." Mit W. verbindet mich gegenseitige Sympathie, noch mehr mit ihr, die am Vortage anwesend war. Ich saß neben den 2 Spitzen der Kulturabteilung des A.A., was nützlich ist, um an Unerledigtes erfolglos zu erinnern. Die 4. u. 5. Einladung (zu Rust) hatte ich dankend abgelehnt. Eine fiel mit der Mi-Ge. zusammen, die aufschlußreich war.
In der Universität war es auch lebhaft. Mit der phil. Vorlesung u. dem Seminar mußte ich in größere Räume umziehen. Selbst die päd. Vorlesung ist voll besetzt (= 320.) Generalmusikdirektor Beck, für den ich viel Sympathie habe, war bei uns, 2 Japaner mit Naturalgaben, heute Franckes; gestern war das Senilitätskränzchen bei Heuß (Heuß-Knapp.) Zwischendurch habe ich auch noch gearbeitet, korrespondiert. Heute hatte ich den ganzen Tag zu tun mit dem Vortrag, den ich morgen in Merseburg in der Flieger-Waffentechnischen Schule halten soll. Abfahrt um 11, Rückkehr um 22¼. So etwas macht unnötig viel Mühe.
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Vielleicht hast Du in der heutigen DAZ meinen großen Artikel gesehen. (Ein fragwürdiges Kunststück, so etwas so kurz zu machen.) Der Artikel über die Knöpfe war allerdings fast halb so lang.
Mi. soll wieder, bei Oncken, Mi.-Ge. sein. Aber er scheint krank zu sein. Sonnabend wollen uns General v. Voß und Frau besuchen. Sonntag Pflichtkonzert. Dann ist ja schon beinahe Weihnachten, das geschenklose W., bei dem nicht einmal auf den Schränken Packete verschwinden können.
Von dem Wein war Gottlob nur 1 Fl. entzwei. Am 6.I. ist Mi-Ge bei uns. Dann sind die Vorräte ausges -
Ich habe noch für morgen zu tun. Deshalb schließe ich mit den wärmsten Wünschen u. Grüßen.
Dein
Eduard.