Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 21. Dezember 1942 (Berlin/Dahlem)


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Dahlem, den 21. Dezember 42.
Mein innig Geliebtes!
Wer mit der Heidelberger Post zurechtkommen will, muß früh anfangen. Verabredungsgemäß und leider bekommst Du kein Geschenk zu Weihnachten außer den schon abgesandten selbstverfertigten Sachen. Ich habe zwar noch etwas für Dich im Auge, aber ich weiß nicht, ob und wann es eintrifft. Hingegen ist Deine Sendung schon eingetroffen, aber noch unbetrachtet. Mein warmer Dank gilt also nur der Tatsache, daß ...
Du willst am 24. mit dem Vorstand früh feiern, so wie wir mit Röschen W. Beide sind sich wohl in der Gebrechlichkeit ähnlich, und so sehr viel ist ja auch mit uns nicht los. Wie die anderen Festtage verteilt werden, ist wohl noch nicht sicher? Die Hauptsache ist, daß Dein Schnupfen ein bloßer Schnupfen bleibt. Ein Mittel dazu wär es, wenn du nicht zu viel mit der Elektrischen zu fahren brauchtest. - Wir werden am 1. Feiertrag sehr früh in Potsdam
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| sein. Sonst haben wir noch nichts Bestimmtes vor. Doch wird Frau Biermann hoffentlich einmal kommen.
Die letzte Woche war wieder recht bunt. Am Montag war ich in Merseburg. Die Hinfahrt erfolgte im Wehrmachtzug im beträchtlichen Gedränge. Eine Rote Kreuzschwester[über der Zeile] otter versuchte mich aus dem Abteil hinauszubugsieren: "Der alte Herr steht wohl auch auf", was er aber nicht tat, weil er einen "Marschbefehl" in der Tasche hatte, der ihm die Hilfe aller Behörden versprach. Herr Niemeyer begrüßte mich freundlicher Weise in Halle am Bahnhof. In Merseburg sah ich wenigstens den Schloßhof und den Raben. Mein Vortrag war der zu 10 M. Der komm. General aber fand ihn gut. Es war ein Frhr. v. Biedermann, aus der Familie des Goethe-Biedermann. Mit ihm und den Lehrern der Fliegerfachschule entwickelte sich hinterher ein wirklich hochstehendes Gespräch. Die Rückfahrt ging ganz glatt. Aber ich mußte 2 Stunden lang das Geplauder eines braven Hauptmanns vom RAD mitanhören, der aus dem Kaukasus und Umgegend kam. Die Tatsachen waren ganz interessant, und es war ein netter Mann. Aber der Horizont, der Zunkunftshorizont!!!
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Am Mittwoch war die Mi-Ge bei Oncken. Ich harmonierte wieder gut mit meinem Spezialfreund und mit dem Historiker Baethgen. Donnerstag war Fakultätssitzung. Das Seminar Freitags ist sehr anstrengend, weil ich wegen der großen Teilnehmerzahl nun 1½ Stunden stehend die Diskussion - fingieren muß. Die 3 Stunden am Sonnabend mit Herrn und Frau v. Voß waren sehr lebendig. Sonntag machte ich den üblichen, diesmal leider kurzen Weg durch Alt-Berlin, welches nun in bedenklicher Weise in Polen liegt. Nachher hörte ich allein Weihnachtschöre von einem Chor, den ein ao Prof. der Augenheilkunde [] (!) leitete. Susanne hat nämlich seit einer Woche einen quälenden Husten, ich muß schon sagen: einen eigenartigen Husten, bei dem mir weder die Ursache, noch der Sitz klar ist. Aber sie will nicht zum Arzt gehen.
Emmi Steinbrecher ist eine kleine "Dichterin" in Darmstadt, einfacher Herkunft, die mir mal ein selbstverfertigtes Filmdrama zur Begutachtung geschickt hat, das auf eine ideale Richtung schließen ließ, obwohl es noch sehr kindlich war. Die persönliche Begegnung hat den guten Eindruck bestätigt. Ich wünschte, daß Sie Dich mal besuchte, weil ihr geistige Anregung gut täte. Aber die Eisenbahnfahrt ist ja jetzt nicht zu raten.
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Exc. Lewald hat mir den Popolo d'Italia geschickt, worin ein Telegramm v. Bottai an Mussolini stand, in dem ich erwähnt wurde als ricercatore geniale dei problemi della moderna pedagogia. Ich glaube nicht, daß mir dieser italienische Lorbeer schaden kann. Er ist gut, um den augenblicklichen Kurswert zu erhöhen. Die ganze Veranstaltung selbst war natürlich nur politisches Theater.
Die Versendung der paar Päckchen u. der vielen Akademieabhandlungen macht wieder viel Trubel. Dazu Briefe ins Feld und sonst zu Weihnachten; man schreibt sich aus. Heute ein sehr liebenswürdiges kurzes Handschreiben der Bewohnerin von Caecilienhof.
Einer der mir untertanen Marienkäfer kriecht mir eben übers Papier und will also Gutes ankündigen. Ich freue mich über seine Hilfe; denn was ich nun eigentlich zu Weihnachten sagen möchte, läßt sich so schwer in Worte fassen. Laß uns gemeinsam tapfer und der Zukunft "dennoch" vertrauend in das 40. Jahr hinübergehen, immer gleich, und immer neu in der Liebe. Schreibe mir bald, daß Du gesund bist, bis auf den Schnupfen, der ja nun seine Zeit beanspruchen wird. Grüße auch den Vorstand herzlich. Und fühle vom Weihnachtsgeist innerlich mehr, als die äußere Welt uns von ihm zukommen lassen will! - Außerdem mache Dir einen Glühwein! Immer Dein
Eduard.

[li. Rand] Konnte Günther nach Hause reisen? Nur nicht zu früh!
[Kopf] In der Akademie ist ein Riesenkrach, der hoffentlich mit dem Abgang dieses Präsidenten endet.