Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 26. Dezember 1942 (Berlin/Dahlem)


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Dahlem, 2. Weihnachtstag 1942 abends.
Mein innig Geliebtes!
Das stille Fest ist im Grunde vorüber, wenn auch morgen noch ein Sonntag folgt. Ich habe alle Deine lieben Geschenke um mich hier oben versammelt und danke Dir für alle Liebe herzlich. Am meisten habe ich mich gefreut, daß es wider alles Erwarten doch einen Kalender gibt, und noch dazu einen so schönen, mit dem lieben alten Wort in "kunstfertiger" Ausführung. Wer aber ginge nicht mit schweren Gedanken an das erste Blatt? Da ist es trostreich, daß ein Motto darüber steht - gleich geeignet für hier und dort. Dann die Fülle von Eßbarem! Du wirst es an Deinen Mahlmarken merken (eine schöne Alliteration!) Die runden Kuchen sind schon in Verzehr. Die Katharinchen (schöner Name) werden aufgehoben; das Herz widersetzt sich dem Anknabbern! Das Bromural ist im Augenblick nicht so nötig, weil ich seit Wochen
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| ja eine halbe Flasche Wein habe. Aber der Vorrat wird später gewiß helfen. Meine (realen!) Federn gehen auf die Neige. Susanne läßt für das Quittenbrot "einstweilen" herzlich danken. Du hast sehr üppig geschenkt und selbst fast nichts erhalten. Denn das (sehr schöne) Bodenseebuch für 1943 ist natürlich noch nicht heraus. - Sei gewiß, daß alle lieben Gaben auch Deine Nähe mitgebracht haben.
Was diesmal geschenkt wurde, kündet vom "Geist der Zeit". Ich habe ca 5 Kisten Zigarren und einige Flaschen Wein unter dem auch etwas mageren Bäumchen gehabt. Sonst manches Eßbare und niedliche Dinge z. B. ein kleines von Sabine hergestelltes Album mit Photographien von Heidelberg und Worten aus "Große Liebe zu Heidelberg." Viele Briefe schon über oder mindestens zu¹) [Fuß] ¹) z. B. aus Cecilienhof. dem Philosophen von Sanssousi, der meine beste historische Leistung ist. 2 Telegramme aus Tokyo, von dem Ehepaar Becker (1. Zeichen!) und von Prof. Haga. Treue Leute!
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Der Husten von Susanne ist - nicht nach ärztlicher, aber nach meiner von ihr anerkannten Diagnose ein Keuchhusten. Erst wollte sie nicht zum Arzt gehen und in den Feiertagen war es nicht wohl möglich.¹) [Fuß] ¹) soll Dienstag erfolgen. Wir müssen überall erst fragen, ob man uns annimmt. Die "Versammlung" am Heiligen Abend hat wie gewohnt stattgefunden. Frl. Wingeleit interessiert sich nur noch fürs Essen und Trinken. In die Kirche konnten wir nicht, aber doch bis vor die Tür. Gestern kam der Oger, nachm. fuhren wir nach Potsdam. Auf allen Leuten scheint ein bleierner Druck zu liegen, und so kam es auch dort nicht zu eigentlicher Blüte. Heute habe ich ein Geleitwort zu einer Neuausgabe von Fichtes "Reden an die Deutsche Nation" geschrieben. So etwas macht man, wenn man zu eigentlicher Arbeit keine Lust hat. In den nächsten Tagen wird sehr viel zu schreiben sein. Frau Biermann kommt morgen nicht. Am 28. findet, vielleicht mit Hedwig Koch, ein ganz kleiner Tagesausflug statt. Ein paar Urlauber sind angemeldet. Sonst nichts, gemäß dem Ernst der Zeiten und dem Mangelzustand im "neuen Europa".
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Du brauchst nicht zu fürchten, daß ich mir infolge des italienischen Märchenspiels irgendwelche Illusionen mache. "Im Gegenteil" - ich habe mich durchweg ganz reserviert verhalten und bleibe natürlich dabei. Die ganzen 10 Jahre waren ein einziges Warten. Aber da liegt die Gefahr, daß man auf etwas wartet, das nicht kommen kann. Wie ich auch meine Phantasie anstrenge: Gutes könnte nur durch eine Anhäufung von Wundern kommen.
Man wird wohl auch mal wieder nach der Reichenau schreiben müssen. Aber wie und was? Mit Frau Rohde ist der Briefwechsel seit dem 27.6. wieder im Gange. Sonst wüßte ich heute nichts von Belang. In den nächsten Tagen möchte ich hören, daß Excellenz' Sein Schnupfen besser ist. Mir geht es gut; nur könnte ich keine Bäume ausreißen.
Ja - Felizitas hat geschrieben. Sie scheint wie ein Drache über 60 Jungen aus Bremen zu regieren. Anderl war zu Weihnachten auf Urlaub.
In diesem Jahr werde ich voraussichtlich nicht mehr schreiben. Du weißt, daß ich Neujahr nicht als Einschnitt anerkenne und mir, nach Möglichkeit, auf der Schwelle zu einer neuen Zahl keine <li. Rand> Gedanken mache. Also grüße ich Dich zum 1.I.43 auch nicht anders als alle Tage. Susanne, die sich schon niedergelegt hat, gedenkt Deiner herzlichst . Mit vielen treuen <Kopf> Wünschen Dein dankbarer Eduard.