Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 8./9. Januar 1942 (Heidelberg)


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Heidelberg. 8. Januar 1942.
Mein liebes Herz!
Unsere Gedanken gehen so oft die gleichen Wege. So ist auch der Anfang Deines lieben Briefes vom 29.XII. mit dem was Du über Heinz schreibst, mir aus der Seele gesprochen. Es ist alles wieder, wie es bei Kurt war, nur viel grausamer noch und wieder sagt man sich: wohl ihm, daß er nicht länger leben mußte. So wurde ihm viel erspart.
Am vorigen Sonntag hörtest Du durch den Brief an Susanne, diesmal hoffe ich nun einmal pünktlich bei Dir einzutreffen. Persönlich aber denke ich in Dielbach zu sein. Es ist mäßiger Frost und kein Wind, so wird es da oben nicht garzu "winterhauchen". Und ich habe wirklich Verlangen, mal wieder mit den lieben Menschen zusammen zu sein. Allerdings sind alle Mitteilungen, woher auch immer, auf den gleichen Ton gestimmt. Mir schrieb dieser Tage Wolfgang Henning, Adeles Wölfchen, das nach mehrmonatlicher Ruhr Heimaturlaub hat. Er ist entzückt von seinem Jungen, und preist jeden glücklich, der heil aus dem Osten zurückkommt.
Bei uns hier ereignet sich nichts. Ich war mehrmals zu Tisch eingeladen und hatte einmal den Vorstand bei mir. Die Nächte sind ungestört und die Tage kurz. Seit vorgestern scheint aber wieder etwas bleichsüchtige Sonne.
Emmy Frommherz schreibt, daß Franzl Bordfunker ist und jetzt eine Ausbildung als Nachtjäger durchmachte. Natürlich droht auch ihm, was alle fürchten. - Die Verletzten, die jetzt aus Rußland kommen, sollen viel ärger vom Frost zugerichtet sein als bisher die Geschosse taten. Der Vorstand sagt: "es ist eben Krieg!" - - -
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Gestern abend nun habe ich das Studium Deiner Schillerabhandlung ein erstes Mal beendet. Ich las langsam, in kleinen Abschnitten ("Portionen", wie Du in Japan sagtest!) immer mit dem Band Schiller dabei, vor allem den Gedichten. Es ist wirklich ganz wunderbar, wie Du diese unendlich schwere Sache so klar darstellen kannst, daß man meint, es auch zu verstehen und mitdenken zu können. Vieles, was mir im Original unverständlich war, ist mir durch Deine Erläuterung der Zusammenhänge in einen Gesamtsinn gerückt und ganz überwältigt bin ich vom Schluß. Das ist ja fabelhaft, wie Du da sagst: "das ist kein Schluß"! - Immer hat sich etwas in mir gewehrt gegen den Abschluß in den Wahlverwandtschaften und im Faust und nun ist es auf einmal klar: da ist keine organische Entwicklung mehr, da ist plötzlich ein Bild aus einer andern Welt. Wir nennen das wohl Symbol, aber es fehlt die innere Begründung. -
Es wäre viel zu reden über die ganze Konsequenz dieses übermächtigen Menschentums. Wo ist für ihn die Welt der Ideen, bleibt sie ewig unerreichbar?

9.I. Jetzt muß ich doch nur eilig den Schluß machen, denn Frau Kühn hat mich im Stich gelassen und so ist die Zeit bis zur Abfahrt knapp. Es ist tüchtig kalt geworden, aber Kälte schadet nichts, denn jetzt ist ja in Dielbach die "Luft rein." Grüße Susanne - ich hatte sie noch fragen wollen ob sie dort Dextropur für Dich bekam? Sonst schicke ich von hier. - Ich grüße Dich innig und warm trotz knapp 10° im Zimmer.
Deine Käthe