Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 14./15. Januar 1942 (Heidelberg)


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Heidelberg. 14.I.1942.
Mein geliebtes Herz!
Da bin ich also wieder aus Dielbach zurück, trotz 14° Kälte ohne Katarrh. Aber es waren sehr ernste Tage. Die Erkrankung von Traudel, die ja uneingestanden immer da war, ist seit dem 2. Januar mit solcher Heftigkeit ausgebrochen, daß man es wohl als einen Endzustand ansehen muß. Das arme Kind ist fast gelähmt. Auf den Laien würde es den Eindruck eines Schlaganfalls machen. Sie kann weder stehen, noch den Kopf aufrecht halten, auch die Sprache ist stark behindert und nur mit der linken Hand kann sie unbeholfen Bewegungen machen. Dabei liegt sie da rosig und hübsch, lächelt wenn man mit ihr spricht, aber hat sonst einen traurigen, fast schon verklärten Ausdruck. Die Nächte aber sind furchtbar, eine Kette von Krampfanfällen, sobald sie einschläft. - - Es wurde mir von gelegentlichen Äußerungen erzählt, aus denen man sieht, daß sie trotzdem sie geistig in manchem zurückgeblieben ist, seelisch fast über ihre Jahre empfand und unter ihrem Zustand gelitten hat. Der Sohn einer befreundeten Familie schrieb ihr häufig, auch jetzt aus dem Felde - (ich erlebte gerade das letzte Schreiben mit, das sehr aufschlußreich war) - und da hat sie zu Weihnachten über solch einem Brief bitterlich geweint: "ich möchte doch auch wieder gesund werden!" -
Du kannst Dir denken, was die Eltern durchmachen. So waren diese 3 Tage. Alles im Hause dreht sich um das kranke Kind und ich suchte die Jüngste, einen reizenden aber sehr verwöhnten Unband möglichst zu beschäftigen und fern zu
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15.I. Du wirst Dir denken, wie sehr ich an diesem Leid der lieben Freunde teilnehme. Es läßt mich garnicht los. Man weiß doch, daß bei dieser Krankheit weder die Ursache bekannt ist, noch ein Heilmittel. Es ist eine hoffnungslose Quälerei. Scheint es nicht, als ob eben das Unheil von allen Seiten hereinstürzte? - In schlaflosen Stunden dieser beiden Nächte hier wieder zu Haus habe ich mich mit dem Viermonatsheft der G.G., Hecker: Goethe und Fritz Jakobi beschäftigt. Da war doch wirklich unser Goethe ein recht unausstehlicher Spötter - mag auch sein Standpunkt noch so berechtigt sein! Seltsam berührt mich das ausführliche Berichten über die Kriegszustände, auch in dem Aufsatz von St. Hein. Scheint das nicht alles nur wie ein Vorspiel zu dem Drama von heute? Sie haben bei aller Teilnahme damals doch ihr Leben ziemlich unberührt führen können. Freilich, äußerlich ist das bis jetzt auch noch bei uns der Fall, und unseren Briefen entnimmt man nichts. Weißt Du auch, daß Du mir seit einer Ewigkeit nicht mehr geschrieben hast? Es war nur gut, daß Susanne sich erbarmte. Ich bekam den Brief in Dielbach und danke einstweilen durch Dich. Hast Du alle Tinte für Neujahrsbriefe verbraucht? Und die zwei Aufsätze - waren es Aufträge oder eine spontane Äußerung? - An einer stillen Abendstunde gab ich Otto Kohler Deinen Schiller, d. h. den Schluß zu lesen, denn der besteht für sich und er fügte sich mit seiner schlichten religiösen Kraft in die ernste Stunde. Noch bei meiner Abreise kam Otto darauf zurück und sagte: da behaupten sie heute, das Leben sei nicht tragisch - - - -
Ich grüße Dich herzlich mit vielen lieben Gedanken. Wie steht es mit Eurer Heizung? Bei uns war heut der bisher kälteste Tag - außen und innen, aber nicht im Innern!
Grüße auch an Susanne.
Deine
Käthe.

[li. Rand] Habt ihr eigentlich den Benz nicht bekommen? Keiner erwähnt ihn!