Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 26. Januar 1942 (Heidelberg)


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Heidelberg. 26.I.1942.
Liebes Herz,
dieser Brief kommt verspätet und weißt Du: warum? Es hat sich niemand bereit gefunden, mir einen Kalender zu schenken, und auch von der Zeitung ist das übliche Blatt ausgeblieben; da mußte ich mir selbst einen herstellen, denn zu kaufen gibt es keinen. Die Arbeit war größer, als erwartet, aber bei meiner großen Vergeßlichkeit kann ich ohne solchen täglichen Helfer nicht auskommen und so machte ich mich mit Energie dahinter bis es fertig war. - - Da es eine mechanische Arbeit war, konnten die Gedanken dabei ihre eigenen Wege gehen und Du hättest den üblichen Gruß pünktlich gehabt, wenn sich das so von selbst übertrüge. - Daß nun auch ein Mensch aus Eurem nächsten Kreise für immer fortgegangen ist, hörte ich mit herzlicher Anteilnahme. Hast Du ihn näher gekannt oder lebte er außerhalb? -
Von Traudel Kohler haben die letzten Nachrichten von einer Besserung berichtet. Man weiß aber
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| garnicht, ob man darüber froh sein kann. Denn ihre Krankheit wird als Epilepsie bezeichnet und die ist bekanntlich nicht heilbar. Sie ist seit Jahr und Tag bei Moro in Behandlung, hat auch - soviel ich weiß - dies Kardiazol genommen, weil sie auch sonst ungesunde Wachstumserscheinungen zeigte. Die Lähmung, die sich seit dem 2. Januar eingestellt hat, gilt nach dem Lehrbuch, das der Schwager von Gertrud ihnen brachte, als ein Endzustand. Es war besonders der rechte Arm gehemmt, und man erinnerte sich, daß sie ihn schon seit längerer Zeit nicht normal bewegt hatte. Jetzt, seit über einer Woche, soll sie wieder aufrecht sitzen können und es stellt sich erneut die Hoffnung ein. Wie man in solchem Fall immer von ähnlichen Erkrankungen hört, so wird jetzt auch von der Möglichkeit eines Tumors im Gehirn gesprochen. Aber ob das etwas Tröstliches wäre? - Kaum!
Gute Nachrichten kommen wohl von keiner Seite. Ist es kein Schmerz, wovon man hört, so ist es eine Sorge oder eine Last. Aus Stolp
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| erfahre ich, daß Hermanns schöne, sorglich gehaltene Schule jetzt ganz und gar Lazarett ist, und daß sein Schulbetrieb in zwei verschiedene Häuser der Stadt verlegt wurde. Mich wundert, daß er überhaupt durchgeführt wird, denn hier ist es damit sehr unterbrochen. Auch ist es mit der Heizung so schlecht, daß allesamt erkältet sind.
In meiner Wohnung ists erträglich, da ich auch immer sehr dick angezogen bin. Aber wir haben ja auch einen Winter wie ich ihn in diesem südlichen Heidelberg kaum je erlebte. Vorgestern war ein Barometersturz von Veränderlich bis Sturm, also die Hälfte der gesamten Skala. Es hatte auch nachts um das Haus getobt und den Schnee nur so an die Läden gepeitscht. Gestern begann es zu tauen und nachts fiel wieder Schnee, sodaß er heute 10 cm hoch lag. Aber wir haben schon 5° - also wird alles wieder zu Wasser.
- Ob ihr wohl ernstlich daran denkt, Euch einen Vortrag von Benz halten zu lassen?
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| Ich hatte mal von Adele eine Sammlung von Goethe-Aussprüchen mit genauer Quellenangabe, die eine Vorrede von Benz hat. Es ist vom Piper-Verlag, "Goethe als Begleiter", und da sagte mir sein Text zu. Aber das kleine Musikbuch hat mich enttäuscht. Es ist doch eine seltsame Einteilung: Jenseits - Opern - Individualität. Ohne jedes Prinzip. - Hier hörte ich mal einen Vortrag von ihm über Beethoven, der mir unverständlich blieb.
- In der letzten Woche war ich nur einmal in der Stadt und da fand ich meine Weinhandlung geschlossen. Aber ich werde mich noch sonst umtun, wenn auch mit wenig Hoffnung auf Erfolg. Alles in allem bin ich, leider, ganz Deiner Meinung. Aber wenn wir hoffen, so im Sinne des "Schlußsatzes", und dafür bürgen uns die Fronturlauber, von denen Du schreibst. - Auch von Mädi hatte ich einen feinen, schönen Brief. -
Ich grüße Dich herzlich und bitte Dich, gib die paar Zeilen an Susanne.
Mit vielen treuen Wünschen
Deine
Käthe.