Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 15. Februar 1942 (Heidelberg)


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Heidelberg. Sonntag abend. 15.II.42
Mein geliebtes Herz!
Wenn ich noch vor dem 19. an Dich "selbst" schreiben will, dann ist es höchste Zeit. Ich habe auch deshalb heut einige Bohnen in den Kaffee genommen, wir haben es ja! Auch in Anbetracht des 25. ein Trost! - Verschiedene Anspielungen lassen mich vermuten, daß man [über der Zeile] auch hier eine gewisse Feierlichkeit aus diesem Tage machen will und das würde doch weder zur Zeit noch zu mir passen. Denn ich habe so sehr das Gefühl, eigentlich nicht mehr "dazu zu gehören". Ich habe diesmal so garkeinen Anschluß an die Kriegsarbeit gefunden, wie Du wohl verstehen wirst. Und auch sonst bedrückt es mich oft, daß ich eigentlich nur für die eigene Existenz beschäftigt bin. Da ist man doch im Grunde abkömmlich. Dabei geht es mir aber gesundheitlich durchaus gut. Hat sich denn Euer Schnupfen wieder verloren? Und ist die Mittwochsgesellschaft nun mal für längere Zeit bei andern? In Prag werdet Ihr Günther und Ottos sehen. Hat ersterer denn nun seine Familie dort? Daß Du dadurch vielleicht mit Deinem Geburtstagsbrief nicht pünktlich sein kannst, mußt Du nicht schwer nehmen. Für mich ist eben der Feiertag, wenn er eintrifft - so oder so! Und wenn Du von irgendwelchen Plänen dazu sprichst, so würde ich mir im stillen wünschen, Ihr kämt für die Osterferien mal wieder hier nach Heidelberg. Es kann so schön hier sein im Frühling! - Bis dahin wird es ja auch mal wieder warm werden. Daß Ihr noch einmal Kohlen bekommt, freut mich innig. Das gehört sich aber auch! Bei uns ist die Heizung jetzt ganz angemessen, vormittags wenig, gegen abend gut. Täglich empfinde ich es dankbar im Gedanken an die vielen, die so erbarmungslos frieren.
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| Sehr nett ist von meinem Fenster aus der Blick auf die stark besuchte Rodelbahn. Von unsrer Ecke bis an die Elektrische sausen die Schlitten, und die 3- u. 4-jährigen machen mit wie die Alten. Es ist höchst lustig den Start an unsrer Ecke zu beobachten, wie verschieden sich die einzelnen benehmen. Es ist allmälig auch ein wenig [über der Zeile] mehr nachbarliches Verhältnis mit den kinderreichen Familien entstanden, das mich freut. -
Schrieb ich schon, daß Mädis Mann mit Gelbsucht im Lazarett in Brandenburg liegt? Oder kam die Nachricht erst nach meinem letzten Brief? Jetzt höre ich von ihr, daß die Gelbsucht gebessert, er aber erneut mit Fieber zu Bett liegt, und sie ist in Sorge, daß es Scharlach sein könnte, denn er hat auch wie Eurr Dieter mit einem Scharlachkranken im Zimmer gelegen. Man hat wohl keine Infektionsstationen mehr?! Ich bin trotz allem nur froh, daß er mal aus der Hölle heraus ist, obgleich Mädi schreibt, er sei sehr still und alles andre als froh. Ist das denn ein Wunder?! - Inzwischen hat es wieder einen Todesfall im hiesigen Kreise gegeben: ein junger Mensch, den der Vorstand als Kind beaufsichtigte, weil er in Pflege war. Er hat sie immer noch besucht und hat sich so tüchtig entwickelt, daß er sicher seinen Weg gemacht hätte. Ich freue mich nur, daß wir ihm noch ein sehr hübsches Weihnachtspacket geschickt haben, das ihn rechtzeitig erreicht und sehr erfreut hat. - - Die Todesfälle mit und ohne Flugzeug nehmen bedrohlich zu. Wo war denn dieser Winkler? Und wie alt? - - Der kleine Scholz mit seiner Einstellung
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| wird wohl ganz recht haben, 1. Kap. Vers 2. - - - Seit gestern habe ich das Heft der Erziehung mit seinen Aphorismen, - eine kühne Forderung: "habe Geist"! - Man findet manches Verblüffende, manche sehr Treffende, manches Problematische. Mir ist z. B. dunkel, wieso die mathematische Formel erleuchtend sein soll! - - Die Erziehung gibt jetzt leider nur schwache Lebenszeichen. Ist das Heft Okt./Nov. wirklich das letzte? Die Kosten fürs halbe Jahr sind allerdings auch auf 4,80 M zurückgegangen. -
Am Tage nach meinem Stoßseufzer über den ausgebliebenen Kalender kam ein solch kleiner, wie ich immer so gern habe von - Lili Scheibe. Jetzt fehlt darin aber leider ein liebes Geleitwort von Dir! - Ich werde ihn Dir mal mitschicken. - Ich habe ohnehin wieder einige Glimmstengel gesammelt, kleines Zeug, alle verschieden, aber was hilfts! Vorläufig ist hier noch keine Raucherkarte. - -
Nach monatelanger Pause hatten wir jetzt wieder zweimal nächtlichen Alarm. Gestern schien Schwetzingen das Ziel. Es stand dort eine ganze Traube von Leuchtkugeln, sodaß es bis hier zu uns licht wurde. Mittwoch hat es Mannheim getroffen. Man spricht von 5 Toten und vielen Obdachlosen. Scheinwerfer und Abschüsse geben immer ein interessantes Bild vom Fenster aus. Aber wenn die Flieger hörbar werden, gehe ich in den Keller. Vorsicht ist besser - als ein Paar hinter die Ohren!! -
Habe ich Dir erzählt von dem Lebensbild, das Anneliese Malcus von Onkel Hermann aus Briefen zusammengestellt hat? Es amüsierte mich, wie er als Student aus Heidelberg berichtet
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| von der Begeisterung als Baden die konfessionslose Volksschule einführte. Es wurde geflaggt, ein Fackelzug gemacht, kurz, es war ein wahrer Rausch. - Sehr warm berührte mich, was er über meinen Großvater Albrecht Martins schreibt, der 71 an den Blattern starb. Und da tauchte da auch wieder der Name auf von Dr. Rabow in Lausanne, der 89 beim Tode meines Vaters so hülfreich war. Es ist hübsch solch Rückblick in vergangene, verklärte Zeit, und ich möchte wohl gern die Ruhe und die rechten Gedanken haben, auch für unsere junge Generation die Erinnerung an meinen Vater lebendig zu machen. -
Ob Du überhaupt Zeit hast zu lesen, was ich Dir alles schreibe? Ich hoffe doch, mein liebes Herz; nimm Dir zum 25. wenigstens die Zeit, denn ich meine doch, man sollte auch in den Kleinigkeiten gern zusammen weiter leben. Und die "großen Dinge"?? Die Japaner in Singapur?? Wie lange wird es so weiter gehen? Und wie steht es inzwischen mit China? - Hier fabelt man von amerikanischen Plänen auf das unbesetzte Frankreich - kurz, es gibt immer neue Sensationen, ob mit, ob ohne Grund.
Und damit will ich heute Schluß machen! Nur noch viele gute Wünsche für Euer Reisevorhaben und Dir Dank für die Karte vom 6.II. und innige Grüße von
Deiner
Käthe.