Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 22. Februar 1942 (Heidelberg)


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Heidelberg. 22.II.42.
Mein geliebtes Herz!
Ist es nicht direkt komisch, wie ich mit meinen Gedanken wieder Deinem lieben Schreiben zuvor gekommen bin? Wie sich nun die Sache auch in der Realität gestalten wird, auf alle Fälle macht mich schon Deine Absicht sehr glücklich. So weit ich die Situation beurteilen kann, ist aber in einer Fremdenstadt mit Universität - deren Bibliothek man z. B. benutzen will! - leichter im Hotel aufgenommen zu werden, als in einem notorischen Badeort. Aber ich mache es wie Du, und warte ab, wie Gott es schickt. Vorläufig schickt er mir zu meiner Freude sehr oft Träume von Dir. Wenn das ja freilich auch kein "vollwertiger" Ersatz ist, so ist es doch das frohe Gefühl Deiner Gegenwart. - Und auf der Sparkasse habe ich das viele Geld in mein Buch eintragen lassen; gerade als ich von Dir die Nachricht bekam, war ich im Begriff, wieder 100 M abzuheben. Habe Dank, lieber Verschwender, für Deine üppige Gabe, die ich hoffe auf eine gute Art zu verwenden. Auch da heißt es, wie sichs fügt. Denn bestimmte Pläne machen, kann man nicht, und kaufen erst recht nichts. So war ich vorgestern in allen Fachgeschäften vergebens, um für den Vorstand eine Nagelschere zu kaufen. Darf nicht mehr hergestellt werden. Schließlich bekam ich eine beim Friseur. - Übrigens: das Geld häuft sich eben bei mir. Jetzt kam auch wieder von der Amalie-Friederike-Engelstiftung eine Geldanweisung mit 50 M., und ich werde an unser Sylvester-Vergnügen erinnert, wo ich beim Bleigießen nichts als Moos produzierte!!
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Daß Prag nichts wurde, ist mir in dieser kalten Zeit bei diesen Reiseverhältnissen sehr lieb. - Für Dielbach wäre die Kälte nicht schlimm gewesen, aber das kranke Kind hat mich natürlich sehr aufgeregt. Moro hält sie entschieden für epileptisch, und der Lähmungszustand, den ich miterlebte, ist in einem medizinischen Lehrbuch ganz genau so als Endzustand der Krankheit beschrieben. Ein Wunder ist nur die rasche und völlige Besserung. Man darf aber darauf keine Hoffnung einer Genesung bauen. Ihr geistiger Zustand ist immer hinter ihren Jahren zurückgeblieben, und ihre Briefe sind alle im gleichen Stil. Aber die Zeichnungen waren nur aus Versehen mitgekommen; die sind von der 5jährigen Bärbel.
Daß der Willy Böhm so früh verbraucht ist, tut mir leid. Hat er denn keine Arbeit, die ihn auf der Höhe hält? "In der Jugend ist jung sein leicht - -" - Es ist schon etwas zu fühlen, daß man nicht "fertig" ist, sondern noch "werden" muß, und hoffentlich kann! Und wieviel mehr ist, wenn man wirklich etwas leistet! Kannst Du mir wohl irgend begreiflich machen, in wiefern Du, im Sinne von heute, den Philosophen von Sanssouci anders siehst und tiefer verstehst als der alte Zeller? - Von Schoepffers hatte ich ein nettes Buch von Traumann, in dem allerlei kürzere Aufsätze über Heidelberger Typen, und auch die hübsche Schilderung seines Besuches beim alten Zeller war. Gestern hatten Schoepffers mich mit ein paar Bekannten zum Tee eingeladen: feine Brötchen mit allerlei Wurst etc. und selbstgebackener Kuchen. Es ist einem direkt peinlich, denn das geht wirklich bei unsern Marken nicht mehr. Und Ihr hattet zehn Personen zu Gast! Das ist fabelhaft. Für meine
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| große Festivität habe ich beim Bäcker eine Torte bestellt, die ich aber mit 1 Ei, ½ <altes Pfundzeichen-Zeichen> Zucker und Buttermarken einlösen muß. Denn eigentlich bekommt man nur noch 2 Stück Kuchen! Wenn die Bäckersfrau nicht die frühere "Bertha" von Knapsens wäre, würde ich wohl noch mehr beisteuern müssen. - Ich denke, daß Frl. Mathy und ihre Schwester, Lulu Jannasch, Frau Heinrich und Rösel Hecht kommen werden, vielleicht auch Gertrud Kohler, die mit Trautel am Montag hier in die Klinik "zur Beobachtung" kommt. Es soll eine Röntgenaufnahme gemacht werden. - Ob der Vorstand kommt ist sehr fraglich. Die Schwestern Mathy wollen sie vielleicht geleiten, aber da sie selbst nicht viel Mut zum Ausgehen hat, bin ich nicht dafür. - Sie ist ja manchmal ganz bei der Hand, dann aber wieder versagt sie völlig. So hat sie z. B. neulich, als das Licht versagte, nachts nicht wieder ins Bett gefunden, sondern sagt, sie hätte die ganze Nacht auf dem Bettrand gesessen!! Geschadet hat es ihr weiter nichts. - So alt möchte man nicht werden! -
Sage mal, was bedeutet das Wort fishy? Das ist eine sonderbare Sache mit dem Schillervortrag. Wirst Du da noch eine Aufforderung bekommen? Es soll wohl eine Ehre sein?
Gefreut hat es mich, daß München an seinen Kerschensteiner gedacht hat. Weißt Du auch, von wem das ausging? - Auch das Gedächtnis längst Verstorbener wird eben vielfach lebendig gemacht. So las ich dieser Tage eine Anzeige der Memoiren der Frau v. Remüsat, die höchst interessant war. Im ganzen interessiert mich hauptsächlich, was auf die Gegenwart
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| Bezug hat. Aber es ist damit eigen: alles irgendwie Bedeutende gewinnt diesen Bezug. So kam mir dieser Tage in den Viermonatsheften der Goethe-Ges. von 1939x [li. Rand] x Ich habe die Jahrgänge von 39-41 ungebunden. Würdest Du raten, sie binden zu lassen? Bitte um Antwort! der Aufsatz von August Raabe über Goethe Unterhaltungen deutscher Auswanderer in die Hand und veranlaßte mich das Original zu lesen. Und da ist man verblüfft, wie sich die Situationen immer wiederholen. Ist es nun bloß die Unmittelbarkeit der Gegenwart oder ist nicht wirklich heute alles nur noch viel schauerlicher?
Gestern war mal wieder Alarm. Noch bleibt er uns immer in rücksichtsvoller Entfernung. Aber zwischen Dossenheim und Schriesheim soll neulich eine Bombe gefallen sein, als bei uns von dem Luftdruck die Tür zufuhr und das Haus bebte. Aufregen tut man sich nicht mehr. Aber es ist doch ratsam, bei näherem Angriff in den Keller zu gehen, wegen der Splittergefahr im weiten Umkreis. Ein Volltreffer rasiert natürlich das ganze Haus ab, aber auch in größerer Entfernung sollen Fenster, Wände und Türen von unzähligen Splittern durchlöchert werden. - - Seid ja recht vorsichtig! -
Und nun laß Dir mit diesem letzten Brief im siebenten Dezennium noch einmal sagen, was Du mir bist, wie all mein Leben sein Licht von Dir bekommt und wie ich Dir danke. Es ist schön, auf diesen Reichtum zurückzusehen und noch schöner, zu fühlen und zu wissen, daß er ohne Ende ist.
Ich grüße Dich in Liebe und Treue.
Deine
Käthe.

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<beigelegtes Foto (von KH?), mit der Bemerkung:> Dies bekam ich von Gertrud Kohler zum Geburtstag!