Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 1. März 1942 (Heidelberg)


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Heidelberg. 1. März 1942.
Sonntag abend.
Mein geliebtes Herz!
Wenn ich Dir doch nur so richtig sagen könnte, wie glücklich Du mich mit all den liebevollen Beweisen Deiner Treue gemacht hast! Das war wirklich lauter Licht um mich, und in meinem Herzen, - andächtig und dankbar habe ich es gefühlt und fühle es immer. Schon vor dem 25., in der naturgemäß besinnlichen Stimmung lagen mir immer die bekannten Verse im Sinn: "ich war wohl klug, daß ich Dich fand, - doch fand ich nicht - Gott hat Dich mir gegeben, so segnet keine ird'sche Hand." Und siehe, Deine lieben Worte klingen im gleichen Ton. Und ein andrer Ton, den ich mit Wonne aufnehme und "in meinem Herzen bewege" ist das, was Du von der unmittelbar bevorstehenden Weltepoche schreibst.
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| So wollen wir auch da hoffen, "damit das Gute wirke, wachse, fromme, damit der Tag dem Edlen endlich komme."
Diese Woche seit Mittwoch war eigentlich ganz anders als erwartet und stand unter dem Zeichen Kohler, denn Trautel wurde hier aufs Gründlichste auf die Möglichkeit eines Gehirntumors untersucht. Die Sache, die mit einer Luftinjektion vor der Röntgenaufnahme verbunden ist, ist aber ohne Zwischenfall, aber auch ohne positives Ergebnis verlaufen. Es bleibt also bei der Diagnose: Epilepsie. - Heute kam nun der Hilferuf von Lulu Jannasch dazu, die mit Ischias zu Bett liegt; zum Kaffee hatte ich das nette Mädchen von Adele hier Kaffee, die ich schon seit langem eingeladen hatte - so waren die Tage für meine Verhältnisse rasch ausgefüllt.
Aber jetzt will ich mich besinnen und Dir in der richtigen Reihenfolge von allem berichten.
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| Das erste, was mich mit ganz unerwarteter Freude erfüllte, war ein Brief von Cilli. Da ich in dem Couvert aus Tübingen keine Gratulation vermutete, machte ich es am 24. auf und da muß ich sagen, es war mir ein Geschenk im voraus, denn ich habe immer den Wunsch gehabt, mit ihr wieder zusammen zu kommen. Ich konnte mir aber garnicht denken, wieso dies nun geschah, obgleich ich natürlich ahnte, daß es durch Deine Vermittlung war. Die Erklärung durch den Brief an Dich ist nun wieder noch besonders erfreulich, sowohl für sie [über der Zeile] wie als für das Zeichen, wie weitgreifend die "Weltfrömmigkeit" wirkt. - Am 25. war dann eine ganze Menge Post beisammen, allem voran Dein großer Brief. Auch wenn er nicht pünktlich gewesen wäre, so wäre er doch unter allen Umständen der "Erste". Denn in der Nacht um ¾ 7 allerdings, da wirst Du wohl nichts
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| von der Audienz gehabt haben, da schlief ich noch. Allerdings um 5 ¼ glaubte ich vom Läuten der Türglocke geweckt zu sein. Es erfolgte aber nichts, und umso besser schlief ich weiter. Seit gestern habe ich nun meinen Wecker wieder, der ¼ Jahr in Behandlung war, da wird jetzt eine geregeltere Einteilung stattfinden. Solange es früh so dunkel blieb, machte ich mir kein Gewissen daraus, lange zu schlafen. Es ist mir auch wirklich recht gut bekommen und man versichert mir, daß ich sehr wohl aussehe. Und ich habe keinen Grund, dem zu widersprechen wegen des Befindens. -
Also da waren Briefe von Hermann, Aenne, Mädi, Lili Scheibe, Heinrich Eggert, Anneliese Malcus-v. Schlotheim, Martin Schöpff etc. - und später kam [über der Zeile] nach einander das Ehepaar von Schoepffer, - und das Ehepaar Heinrich mit Blumen, Äpfeln, einem Buch und hübschem Taschentuch.
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| (Das Buch: Epochen der deutschen Geschichte von Johannes Haller)! - Ich war sehr überrascht von solch großem Geschenk. - - Das Mittagessen war rasch gewärmt, Erbssuppe und Wurst! - und dann wurde der Kaffeetisch gerichtet. Ein schöner Apfelkuchen kam vom hiesigen Bäcker und abends vorher hatte ich aus der Stadt eine herrliche Schokoladentorte geholt, für die ich aber Butter, Ei und Zucker beisteuern mußte. Es ist ja damit jetzt auch beschränkt. - Als erste erschien Frl. Seidel, die um 5 wieder Dienst hatte, aber auch die andern waren pünktlich nämlich Hedwig Mathy mit ihrer Schwester, Frau Reg.rat Franz, und Lulu Jannasch, so daß wir recht gemütlich zusammen saßen und aßen. Denn sowas macht heute auch Eindruck! - - Später kam noch Rösel Hecht, und brachte eine niedliche kleine rote Blume, die wir alle nicht mit Namen kennen, Milch und Honig - sowie von Kohlers Butter und
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| Eier. - Das ist beinah wie im gelobten Land, nicht wahr? Und überhaupt hat es so etwas Seltsames gehabt mit dem biblischen Alter. Jeder hat davon angefangen und mir versichert, das glaube keiner von mir. Aber es ist doch so und es scheint mir, als solle ich es doch als einen entscheidenden Ruck vorwärts auffassen. Ich war vorher noch garnicht so im Bewußtsein davon, obgleich ich mit Deiner Auffassung vom Altwerden durchaus einverstanden bin. Nur damit nicht, daß Du Dich immer so in eine Generation mit mir versetzt. Erstlich bist Du 10 Jahr jünger, und außerdem wäre ich auch mit gleichen Jahren als Frau älter. - Sehr hübsch hat Lili Scheibe mir den Spruch aus dem 90. Psalm in feinen gotischen Lettern auf Pergament geschrieben - als Lesezeichen. Aber ich habe es unter Glas über meinen Schreib[über der Zeile] Nähtisch gehängt. - Nach und nach kamen dann noch immer
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| mehr Postsachen: von Frl. Rauhut!, Wingeleit, Hanna Virchow, Irmgard, Lieschen Schwidtal u.s.w. Frau Wille schickte mit freundlichen Zeilen: Kurt Ziemke, Gesandter in Afghanistan. Und last not least kam am 26. das am 20. abgesandte Päckchen mit den lieben, lieben Versen. Es war wunderschön verpackt, aber kein Brief dabei, obgleich ich die Papiere immer wieder umwendete, und auch seitdem ist keiner gekommen, obgleich ich bei jeder Post darauf hoffte. Es muß wohl da etwas verloren sein, denn ich könnte wohl denken, daß Susanne durch den Unfall von Frl. Rauhut recht in Anspruch genommen war, aber jetzt wäre doch wohl etwas an mich gekommen. Auch Anna Weise ist ausgeblieben und schmerzlich vermißt. - Übrigens schickte ich am 23. ein Briefpäckchen, eingeschrieben, das wird hoffentlich am 25. bei Euch gewesen sein. - Daß ich die Gelder auf der Bank im Sparbuch einge
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|tragen bekam, habe ich Dir ja schon mit sehr viel Dank gemeldet. Dort sagte niemand etwas von vorherigen Schwierigkeiten, aber ich will die Straßenbezeichnug doch ändern lassen. Lange stand im Buch noch Rohrbacher Straße! Gestern kam noch ein Glückwunsch von Walter, der besonders beunruhigt ist durch das Benehmen von Ibn Saud. Durch Margret Boveri weiß ich einigermaßen wer das ist. Möchte es nicht eine erneute Verlängerung der Kriegsgreul bedeuten. Denn trotz des heroischen Ausklangs Deines Schillervortrags, mit dem ich - wenn auch nur etwa bis zur Hälfte - den Abend des 25. beschloß, ist das Grauen vor dem gegenwärtigen Geschehen doch oft unerträglich. Man kann viel leichter für sich selbst verzichten, als das Elend anderer sehen. "Antwort gibt die Tat, die Wagnis ist" - und Opfer, möchte ich sagen, denn nur durch die Vernichtung des Ich hindurch, in Hingabe sei es aus Pflicht oder aus Liebe gewinnen wir "jenes Leben".
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| "Wer liebt, kann auch im Äußersten nicht wanken" - das ist das Wunder des Lebens, und ich weiß nicht, worin die größere Seligkeit liegt, ob in dem, was Du mir an ungeahntem Reichtum schenkst, oder in meiner Liebe zu Dir, die mich so ganz und gar erfüllt. Sie ist von Ewigkeit, das weiß ich gewiß. Wie kann ich nur solches Glück verdienen?! Ich will mich bewähren so gut ich kann, aber es wird immer über alles Verdienst sein.
Nachdem am 25. die Gäste fort waren, bin ich noch zum Vorstand, die bei dem glatten Schnee nicht den Mut hatte, auszugehen. Ich brachte ihr von den eßbaren Herrlichkeiten, wofür sie sehr empfänglich ist, und las ihr Briefe vor, auch was Du mir auftrugst. Aber ich glaube nicht, daß sie viel von dem nicht Eßbaren aufgenommen hat. Doch freute sie sich sehr über mein Kommen.
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So war kein Mißklang an dem Tage und er war wie herausgehoben aus der dunklen Gegenwart. Voll Dankbarkeit habe ich ihn erlebt, das Höchste und Beste aber danke ich Dir. Und damit will ich endlich diesen endlosen Brief schließen. Viel herzliche Grüße auch an Susanne. Und so beginne ich ein neues Jahrzehnt in alter Treue und neuer Zuversicht mit Dir - im Herzen.
Deine
Käthe.
[li. Rand S. 1] Wann soll Dein Kommen stattfinden?