Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 30. März 1942 (Heidelberg)


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Heidelberg. 30.III.1942.
Mein geliebtes Herz!
Da ist nun also der sehnlich erwartete Brief! Und was bringt er?! Ich hatte zwar von Anfang an das Gefühl, daß der ganze Plan wohl ein liebenswürdiger Gedanke, aber keine energische Absicht sei. Aber nun bin ich doch sehr enttäuscht, besonders weil ich mich doch während meiner Krankheit recht herzlich einsam gefühlt hatte. Aber Du hast recht, was wird heute nicht schwer und wieviel zerstören die Kriegsumstände - - was noch viel schwerer zu tragen ist. In Betreff der Verfügung in der Zeitung aber ist es doch nicht so schwierig einen triftigen Grund dagegen zu schaffen. Wozu hat man seinen Arzt, wenn er nicht einige Radiumbäder in Heidelberg verordnen könnte? Zu einem Aufenthalt in B.-B. wäre für das Hotel bestimmt auch ein ärztliches Zeugnis
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| erforderlich. Hier aber hätte es gerade sehr gut geklappt, daß bei Buttmis eine einfache, aber heizbare Schlafstelle frei war, in der bisher verschiedene Offiziere gewohnt haben. - Am ersten Tag nach der Verordnung für die Reisen kam Walther überraschend und wohnte 3 Tage im Hotel Denner. [über der Zeile] 24.-27.III. Es ist ein eigen Ding, daß zwischen uns eigentlich nie ein ungetrübtes Zusammensein möglich ist. Diesmal kam mir außerdem der Besuch etwas ungelegen, da ich noch garnicht recht wohl war, das Sprechen mich anstrengte und ich auch dabei war, den Mantel von Adele, - (Du weißt von Marienbad, der graue) - den ich zertrennt hatte, zu waschen und zu bügeln, weil Frl. Drechsler ihn mir noch vor Ostern zurecht machen wollte. So konnte ich Walter nur immer halbtägig sehen, hatte ihn einmal zum Kaffee und zweimal zum Abendessen bei mir und war am Nachmittag vor seiner Abreise mit ihm spazieren; Du kennst den Weg
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| von Schlierbach, Gelatinefabrik am Berge nach Klein-Gemünd. Der Weg war schön in milder Sonne, aber die Aussicht ist großenteils zugewachsen. - Am Tage vorher waren wir in dem Film: der König. Ich finde, daß er nicht den Reiz hat, wie die früheren Friederikus-Filme. Der Sinn des Ganzen scheint mir, daß gesagt wird: schimpfen dürft Ihr; aber am Sieg zu zweifeln ist Hochverrat. - Denke Dir, hier in Rohrbach, in unserm stillen Dorf, sollen Spione gewesen und abgefangen sein. Eine Familie, die im Hause wohnte, wo ich meinen Kaufmann habe, soll immer verraten haben, wann in Mannheim die Flak abwesend war. Die Tochter sei Röntgen-Assistentin im Gesundheitsamt gewesen. Wie unheimlich ist so etwas. Wie können Menschen so etwas tun! Übrigens haben wir seit den 3 ereignislosen Alarmen im Februar nur einmal wieder eine gestörte Nacht gehabt, gerade als Walter hier war. Aber es wurde
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| überhaupt nicht geschossen. - Daß es während meiner Erkrankung Ruhe gab, war mir recht lieb, denn ich hatte doch kräftiges Fieber. Eine Nacht, wie die erste hatte ich nicht erlebt seit der septischen Angina im Jahre 19. Der Katarrh hat diesmal nicht im Kehlkopf sondern tiefer gesessen und ganz ist er noch nicht fort. Es lockert sich aber täglich mehr und die warme Sonne wird jetzt den Rest beseitigen. Freilich gibt es dazwischen noch rauhe Winde von Nord und Ost, aber auch Tage von großem Frühlingszauber.
Daß die Fahrt nach Hamm erträglich, und der Aufenthalt dort erfreulich war, höre ich sehr gern. Aber ganz so befriedigt vom Publikum, wie Du es eigentlich gewohnt bist, scheinst Du nicht gewesen zu sein. - Inzwischen habe ich mich von neuem mit Deiner Rede für Petersen beschäftigt, aus der echte Freundestreue und menschliche Würdigung schlicht
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| und überzeugend sprechen. - Seit wann ist Wenke krank? Hat er vielleicht die jetzt so häufige Gelbsucht? Oder sind es Gallensteine? Ja, es ist nicht gut jetzt krank zu sein. Die Krankenhäuser sind überfüllt und die Ärzte überlastet. Ich habe Frl. Dr.Clauß überhaupt garnicht erst gebeten zu kommen. Sie ist auch selbst garnicht auf der Höhe und sehr vergeßlich.
Was wirst Du denn nun mit der für die kleine Reise aufgesparten Zeit machen? Denn eine Pause mußt Du machen. Es ist keine Zeitersparnis, wenn Du so müde bist, daß die Arbeit nicht vorwärts will. Wenn wie heute ein wolkenloser Tag ist, an dem man behaglich im Freien sitzen könnte, dann ist es mir ganz schmerzlich, daß ich ihn Dir nicht schicken kann. Ich hatte doch alles nur immer im Hinblick auf Dein Kommen gesehen!
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Gestern ist die jüngere Tochter bei Buttmis konfirmiert worden. Ich war zur Feier in der Kirche, von ½ 9 aus dem Haus bis ½ 1 Uhr zurück! Der Geistliche ist ein jüngerer Mann, der sich bemüht zeitgemäß und lebensnah zu sein, ohne viel Redensarten, aber man spürte, wenigstens gestern, nicht viel innere Wärme. Er hat aber verstanden, die Gemeinde wieder in seiner Kirche zu versammeln, was unter seinem Vorgänger verloren ging. - Dein Grazer Besuch hätte mich interessiert. Aber der andere, was hat er für einen Hintergrund? sektiererischen? es ist nicht zu lesen. - Du fragst nach Emmy Fr., warum sie mir nicht gratulierte? Das hat sie noch nie getan. Zuletzt hatte ich einen Brief von ihr am 27.XII. als Antwort auf eine Weihnachtskarte. Seitdem schrieb ich noch nicht, wollte aber zum 14.IV. einen Gruß senden. - Jetzt ist der Bogen zu Ende und so will ich nur noch melden, daß das Päckchen noch nicht abgeschickt ist, weil die Woche so durch den Besuch besetzt war. Es kommt <li. Rand> morgen an die Reihe, ehe ich mit Schoepffers einen Waldspaziergang mache. Ich war seit Wochen nicht mit ihnen zusammen. - Wenn Dich die Sonne <li. Rand S. 5> liebevoll und warm anstrahlt, dann denke, daß ich sie zu Dir schicke - mit vielen Grüßen. Grüße auch Susanne. Ihr schreibe ich bald. <li. Rand S. 4> Ja - und die "Locke", die Du haben möchtest! Woher nehmen? Es ist keine mehr da! "Der Mensch wird schließlich mangelhaft" - - Aber es war mir leid, daß Du einen <li. Rand S. 3> unangenehmen Augenblick durch den Verlust hattest. Wie sollte ich denn böse sein, daß das Herzchen seinen Inhalt verlor? Über die Zeit, wo mir derartiges <li. Rand S. 2> ein böses Omen war, bin ich hinaus. Und so grüße ich Dich in immer gleicher Liebe und Treue.
Deine Käthe.