Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 5. April 1942 (Heidelberg)


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Heidelberg. 5. April 1942.
Mein lieber Einziger,
an der Ehrlichkeit Deiner Absicht habe ich ganz gewiß nicht gezweifelt, aber an ihrer Energie. Du wirst Dich erinnern, daß ich Dir gleich sehr gerührt über den völlig unerwarteten Plan schrieb: ich dankte Dir für die liebe Absicht, auch wenn nichts daraus würde. - Daß Du nun daran verzagtest, verstehe ich wohl. Ich kann mir sogar denken, daß der definitive Entschluß geradezu wie eine Erleichterung für Dich wirkte, denn die Dinge waren eben nicht zu vereinigen. Aber abgesehen von dem Schmerz, den es mir persönlich bedeutet, fühle ich so deutlich, welch ein Zeichen von Anspannung das ist, und welch eine Last von Schwierigkeiten und Pflichten Dich überhaupt nicht mehr
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| zum Aufatmen kommen läßt. Und das ist mir das Schwerste dabei! So habe ich mich zunächst dagegen gewehrt und einen Ausweg gesucht in allen möglichen Wenns und Abers. Ich meinte schon, Du werdest mir böse sein, daß ich die Möglichkeit einer ärztlichen Verordnung in Betracht zog und Dir damit eine Halbheit zumuten konnte! Aber Du weißt ja: echt weibliche Eigenart. Ich finde eben, daß Du so notwendige und ehrliche Arbeit leistest wie irgend einer, und wenn man Dir das Recht auf eine Woche Urlaub verkümmmern will, muß man eben einen Umweg dahin machen. Du aber hast heroisch verzichtet und schließlich imponiert mir diese rückhaltlose Pflichttreue doch am meisten. Aber wir wollen trotzdem den Rückhalt an einer ärztlichen Verordnung z. B. wegen Luftveränderung ein Aufenthalt an der Bergstraße - nicht ganz von uns weisen. -
Gestern war ich mit meinen Gedanken
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| so ganz besonders bei Dir. Es war eine sogenannte Hausmusik im Romantikersaal der Städtischen Sammlungen. Ein alter Cellist (mit Namen Brumm) und ein siebzehnjähriger Klavierspieler, Sohn eines hiesigen Zahnarztes spielten Sonaten von Beethoven und Brahms, und der junge Schwarz allein dazwischen Chopin, die Sonate mit dem Trauermarsch. - Es war alles sehr ernst und der Chopin mit besonderer Innigkeit. So fügte es sich in die Stimmung und neben den Tönen bewegten sich meine Gedanken um Dich und ich wünschte, Dir etwas Liebes zu sagen, etwas das neue Kraft gibt - so wie ich es von dem Zusammensein erhofft hatte.
Eine Erschwerung der Lage war es wohl, daß Du Deine Pläne ausschließlich auf Baden eingestellt hattest. Hier wäre mit dem Unterkommen keine Schwierigkeit. Du hättest meine ganze Wohnung zur Verfügung und alle Leute rühmen immer, wie behaglich
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| sie ist. Ich schliefe in der Nachbarschaft bei Buttmis, und würde für Frühstück und Abendbrot sorgen, mittags könnte man beliebig auswärts sein. Bei Ausflügen bekommt man an der Bergstraße noch offenen Wein, wie ich neulich in Dossenheim gesehen habe, kurz, es ließe sich noch hier leben. Was hattest Du gegen Heidelberg?
Aber ich weiß, Du hattest nur einfach nicht Zeit und Gedanken dafür übrig, und wolltest alles "für nachher" aufsparen, wenn die Arbeit erledigt wäre. Aber heutzutage muß man sich zeitig wehren und vielleicht ist es "nachher" zu spät. Dieses "vorüber" ist es, was so unendlich bedrückt. Bei all den unersetzlichen Verlusten, bei allen nicht wiederkehrenden Möglichkeiten und verpaßten Gelegenheiten. Und wie notwendig wäre es, sich mal wieder zu sprechen! - - Ja, und was ist es mit Hegel und seiner tiefsinnigen Mystik? Quäle Dich nicht, ruhe Dich wirklich einige Tage und denke - wie der König von Sachsen!
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| Wenn Du es dann von neuem in die Hand nimmst, gestaltet es sich auf einmal von selbst.
Ob mein Brief an Susanne [über der Zeile] vom 3.IV. mit der Einlage für Dich rechtzeitig ankam? - Ein Briefpäckchen schickte ich am 2. eingeschrieben. Es heißt immer, dann ginge es schneller, aber es scheint nicht der Fall zu sein. - Mädi hat ihren Mann jetzt im Urlaub, und sie waren zusammen bei den Schwiegereltern. Wie schwer wird dann der Abschied sein! Und überall wohin man sonst denkt, trifft man auf Sorgen. Man ist so froh, wenn man einzelne in Sicherheit weiß. So ist der Sohn von Rösel Hecht jetzt beim medizinischen Studium und Otto Kohler vorläufig noch im Beruf. Die Familie ist über die Ostertage in Schönbrunn bei den Bauersleuten Hilderhof. Wenn ich Begleitung hätte, würde ich gern von Neckargmünd
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| aus hingehen. Oder hinwärts mit Bummelzug bis Hirschhorn und das andre zurück. Aber auch das Wetter ist noch garzu wechselnd. Gestern hatte ich nochmal den Vorstand zum Essen da, und als ich sie zurückbrachte, gab es beim Weg an die Elektrische einen tüchtigen Guß. - Heute, am 1. Feiertag bin ich nur zu Hause, morgen will ich zu Maas in die Kirche und nachmittags hat Frl. Schupp Aenne und mich zum Kaffee eingeladen. - Den Husten bin ich jetzt nun endlich los, und ich habe keinen Grund mehr zur Klage außer der großen Müdigkeit, von der aber wohl niemand verschont ist. Ist doch wirklich die Seele ganz erschöpft von all dem Leid, das sie mitfühlend und in sich zu tragen hat. Einen Trost hinter all dem Schweren vermag ich nicht zu erkennen, nicht hier und nicht in einem Jenseits, wenn man es nicht im Herzen trägt. Aber da lebt es mit österlicher Gewißheit und so grüße ich Dich mit immer gleicher Innigkeit.
Deine
Käthe.