Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 15./16. April 1942 (Heidelberg)


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Heidelberg. 15. April 1942
Mein liebes Herz!
Heut also hat das Semester begonnen, hoffentlich mit guten Eindrücken! Vorher aber wünschte ich, es hätte sich noch ein paarmal trotz Hobohm und aller Vorträge die Gelegenheit gefunden, sich von der Frühlingssonne in freier Natur durchwärmen zu lassen. Denn ich nehme an, daß wir nicht allein in Deutschland Tag für Tag diesen wolkenlosen Himmel hatten. Freilich es bläst dabei immer noch recht erfrischend aus Nord und Ost.
Und von Herzen wünsche ich, daß Deine unermüdliche Arbeit Dir nun die gewünschten Resultate brachte. Wirst Du nun nicht in Zukunft doch ein wenig zurückhaltender im Zusagen von Vorträgen neben dem Semester sein? Du hattest doch eigentlich vor,
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| Prag wegen der Reiseschwierigkeiten jetzt abzusagen.
Von Emmy Frommherz hatte ich einen tieftraurigen Brief. Aber eine Wohltat ist es ihnen, daß der Sohn auf dem dortigen Friedhof bestattet werden konnte. Ob er wohl in dem neuen Stück ruht, zu dem vom alten Teil die Treppe herunter führt? Ob wir es je sehen werden? - Gleichzeitig mit diesem Brief kam der von Susanne, der mich herzlich erfreute, und für den ich ihr danken lasse. Ruges sind im Grünewalderhof bei Patsch - (Innsbruck) - seit dem 10.IV.; sie wollten per Schlafwagen bis München, so hat man wenigstens seinen gesicherten Platz. Jetzt wäre es nun vielleicht recht vernünftig, wenn man sie fragte, ob nicht für Euch zm August noch etwas dort zu haben wäre? Mündlich lassen sich solche Sachen viel leichter ordnen. Das Inntal ist doch schön, aber vielleicht für
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| den Sommer zu heiß. Ich dachte nur, es sei mal etwas andres als Marienbad. Auch weiß ich nicht, wie hoch dies Patsch gelegen ist. - - Soll ich anfragen?
Hier ereignet sich garnichts, wovon ich wüßte. Wir hatten Alarm am 1., 8., 12. u. 14., aber es blieb alles still. Wie steht es eigentlich damit bei Euch? Beschränkt sich der Besuch auf den Westen? - Meine Schwester schickte mir einen Brief ihres Schwiegersohnes mit, daß ich ihn ein wenig daraus kennen lerne. Er berichtet von einem "Erdeinsatz" mit einem schweren Geschützt zum Bunkerbeschuß an einer Stelle, wo der Russe mit starken Kräften bei Petersburg durchstoßen wollte. Man kann zwischen den Zeilen lesen, aber die Schilderung ist gerade so liebenswürdig schonend, wie Kurt immer schrieb. Voll Bewunderung ist er für die Infantrie, für die jedes Wort der Kennzeichnung unzu
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|reichend sei. Die lägen dort schon wochenlang ohne Aussicht auf Ablösung, während sie nach einer Woche in ihre "komfortable" Feuerstellung zurückkehrten. – – Mein Patenkind Hilde, (Frau Leutnant Vogts!) hat ihr Examen als Kinderpflegerin gut bestanden, aber gerade auch eine Grippe gehabt, die sie dabei viel ärger verschleppte als ich. Sie scheint recht krank gewesen zu sein. - Wir hier sind mehrfach spazieren gegangen, immer mit den beiden Ehepaaren Heinrichs u. v. Schoepffers. Es ist schon ein entzückendes Grün über Sträucher und Bäume gehaucht und es wagen sich die ersten Obstblüten heraus. In den Gärten ist es schon ganz bunt, und alles ist so schön und sauber bearbeitet, erwartungsvoll. Was werden wir ernten? - Die Welt ist schön in ihrem Frühlingszauber, aber Du wirst verstehen, daß ich sie mit recht geteilten Gefühlen sehe; so geht es jetzt wohl vielen, aber bei mir
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| kommt noch das betrübende Gefühl hinzu, daß Du von alledem nichts hast!

16. Heut nachmittag war Frau Pfarrer Heraucourt bei mir, die durch die Weinelsche Tochter an mich empfohlen wurde. Es ist eine sehr angenehme Frau, die in einem kleinen Pfälzer Ort Pfarrfrau war und nun nach dem Tode des Mannes hierher zog, ganz in die Nähe an der Rohrbacher Landstraße. - Und morgen werde ich mit Frau Buttmi den üblichen Blütenweg nach der Strahlenburg gehen - Du kennst ihn ja auch, leider bei drohendem Gewitter. - Es wäre ja genug Arbeit im Hause, und Langeweile würde ich nicht haben, aber man hat so den Wunsch nach Licht und Luft nach dieser langen Winterzeit, und wem nütze ich denn mit meiner Arbeit! Doch nur mir selbst, also ists ja einerlei, wie ich die Zeit verbringe.
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Wie sehr wünsche ich, daß Du jetzt befriedigt und mit innerer Ruhe das Semester beginnen konntest. Hier ist wieder eine Studentenkompanie ("Stuko") eingetroffen, und sie sollen fast kein Unterkommen finden. Walther schrieb heute von der gleichen Schwierigkeit in Kassel. Sein Brief ist sehr freundlich und nett; ich hatte schon Sorge, er wäre wohl mit mir unzufrieden, weil ich bei seinem Besuch noch ziemlich marode war.
Sind die Volksprodukte rauchbar? Ich habe mich bemüht, jetzt womöglich Besseres zu bekommen. Daß es zu stark werden könnte, ist wohl keine Gefahr.
Nun will ich dies noch in den Kasten bringen, dann geht es früh um 6 Uhr fort und ist womöglich schon Sonnabend bei Dir. Nimm vorlieb mit diesem Zettel und ergänze alles Ungeschriebene. Ich grüße Dich von Herzen.
Deine
Käthe.