Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 3. Mai 1942 (Heidelberg)


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Heidelberg. 3. Mai 1942
Mein geliebtes Herz!
Heute, zum Sonntag, bekam ich zu meiner großen Freude Deinen lieben Brief vom 30.IV. und ich danke Dir innig, daß Du Dir trotz der bevorstehenden Reise die Zeit dafür genommen hast. Ich hatte garnicht darauf zu hoffen gewagt. Und ich merke nun, daß ich mal wieder meine Briefe nur in Gedanken geschrieben habe, denn Du weißt ja noch garnicht, daß ich seit Montag von Dielbach zurück bin. Es war freilich windig auf dem berühmten Winterhauch, aber im Haus ist gut geheizt und ich habe trotzdem ein paar hübsche Spaziergänge machen können. Staub gibt es dort oben viel weniger als hier und der Nordost weht an der Bergstraße ebenso eisig. Jetzt ist er in einen kalten Regen übergegangen, daß man bis in die Knochen friert. Dafür bezahle ich aber seit dem 1. April meinem Wirt täglich 45 <altes Pfennigzeichen> für Heizung, d. h. eine schwach fühlbare Erwärmung der Heizkörper. Bei
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| Kohlers war alles soweit gesund, und Otto ist noch nicht wieder einberufen. Er ist der einzige Lehrer am Ort, nur eine Lehrerin ist noch da, der andere Herr ist verletzt. Nur gut, daß es mit seiner Offiziersanwärterschaft nichts wurde, dann wäre er sicher schon längst wieder fort. - Seitdem war eigentlich jeden Tag etwas, Lesekranz, Besuch beim Vorstand, Kaffee bei Hedwig Mathy und heut waren Frau und Fräulein Drechsler bei mir, die ich so gerne habe. Frau Heraucourt ist auch sehr nach meinem Sinn, nur haben wir uns bisher nicht gesellig zusammen getan, sondern nur kürzere Besuche gemacht, auch in dieser Woche, wo der Sturm einen Spaziergang vereitelte. - Die Kirschblüte ist nun vorbei, Birnen sind auf der Höhe und die Äpfel beginnen. Eine Roßkastanie sah ich schon in voller Blüte, die andern sind am Aufbrechen. Und dabei sind etwa 7°R., nachts doch sicher unter 0. Weißt Du noch, wie auf der Reichenau all die zarten Triebe erfroren? Jetzt erfriert auch manches, vor allem bei dem "Sturm", der
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| am Sonntag wehte, als ich in Dielbach war. Wir hatten einen längeren Weg vor, wurden aber vom Rundfunk gehindert, der uns andere Bewegung brachte. - Heut war ich bei der Predigt von Pfarrer Maas, der sehr warm und innerlich über Lukas 10,17-20 sprach, auch von den "Namen, die im Himmel geschrieben sind" von dem Getragensein in Gottes Liebe und Gnade, bei aller Verderbtheit der Welt. Wie schön es schon sei, einen Menschen zu wissen, der zu uns spricht: "Du bist in mir geborgen mit allen Deinen Sorgen" - - - ja, mein liebstes Herz, findest Du das nicht auch?
In Gedanken habe ich Euch auf der Fahrt nach Prag begleitet. Es ist doch wohl die gleiche Strecke, wie wir sie gemeinsam nach Marienbad fuhren? Oder nein, von Leipzig ab geht es wohl über Dresden! - Schlafwagenkarten wird man wohl nur auf längere Vorausbestellung bekommen. - Und Sommerpläne? An eine Ausführung glauben und Unterkommen suchen ist zweierlei. Das Letztere wird allerdings wohl sehr an der Zeit sein, und ich fürchte, die einzige
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| reelle Aussicht wäre jetzt noch - Marienbad. Denn alles ist bereits bis in den September vorausbestellt, auch der Grünewalder Hof. Kann vielleicht Dein Vetter Imhülsen Dir in Kappel auch etwas besorgen? Es ist ja nichts riskiert, denn loswerden kann man es mit Leichtigkeit, aber Platz finden kaum! Man muß sich eben den Bedingungen der Zeit anpassen, wenn man überhaupt weiterleben will und nicht bloß zusehen. - Dabei fällt mir nun ein, daß ich fragen wollte, ob Dir zu irgend einer Zeit meine Anwesenheit in Berlin am wenigsten störend erscheinen würde? Ich bekomme morgen die Photos für die Kennkarte, ohne die ich nicht fahren kann. Und mit Ruges will ich erst verhandeln, wenn wir uns verständigt haben. Ich bin freilich der Meinung, man solle nicht zögern, bei dem heutigen Tempo der Entwicklung, aber es wäre ja auch zu überlegen, ob nicht der 27. Juni in die Berliner Zeit fallen sollte? Ich hatte erst gedacht, man hätte die Mitte nehmen können vom 25.II. ab, aber dazu ist es schon zu spät.
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Ob es viel so wache Geister gibt wie der junge Wolfgang, der solch alte, klapprige Schreibmaschine hat? Das ist ein schöner Brief. Ist der junge Mann nicht militärpflichtig? Man bangt um jeden!
Hat Elly Ney da auch 2 Billets beigelegt? Und was ist das für ein Aufsatz im "Reich", hast Du ihn mir vorenthalten? Du schriebst einmal von einer Fortsetzung der Weltfrömmigkeit, die Du in Absicht habest.
Ist es nun ein Nachteil, daß Du durch die vorübergehende Einberufung von Hobohm die Assistentin nehmen mußtest, oder macht sie ihre Sache gut?
Ich denke Dein und grüße Dich und Susanne. Jetzt will ich noch den Brief in den Kasten bringen und hoffen, daß er morgen 6 Uhr abgeholt wird.
Hoffentlich seid ihr in Prag gut unter
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|gebracht und es wird nicht garzu anstrengend.
Immer
Deine Käthe.

[] Von der Sparkasse habe ich noch keine Nachricht. Ich werde mich erkundigen, und Dir danke ich sehr herzlich. Ich habe seit dem 21.2. nichts abgehoben. Es waren damals 2448,44 dort!