Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 10. Mai 1942 (Heidelberg)


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Heidelberg. 10. Mai 1942.
Mein liebes Herz,
ich will Dir einen Gruß schicken, und ich hoffe, er freut Dich, auch wenn er nichts Rauch- oder Eßbares ist - aber desto wohlriechender. Diese schönen Maiblumen habe ich gestern im Walde gepflückt, und es gibt dieses Jahr sehr viele. In Frankreich soll man sich diese Blume als Zeichen der Liebe zusenden. Frau Buttmi bekam ein Kästchen voll davon von ihrem Mann. - Heute hatte ich gehofft noch mehr davon zu finden, aber der Sonntag hat so viele Menschen herausgelockt, daß alles abgegrast ist.
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| So mußt Du also mit der gestrigen Ausbeute zufrieden sein. Es ist zauberhaft schön im Walde, die zarten hellgrünen Blätter wie selbstleuchtend, von einer Üppigkeit und Unversehrtheit, daß man meint, es sei noch nie so schön gewesen. Heute fuhr ich mit Frl. Seidel mit der Bergbahn auf den Königstuhl (um ½ 11 Uhr); von dort auf den alten Kohlhof, wo wir recht gut zu Mittag aßen: Scholle geschmort, vorher Grünkernsuppe - Marken nur 15 gr. F. und Preis 1,50. Ich erlaubte mir dazu ⅛ Weißwein, für dessen Güte es sprach, daß er nicht müde machte, außer dem guten Geschmack! Du weißt doch, ich habe bei Dir eine gewisse Kenntnis erlangt!! Zurück gingen wir über drei Eichen, Blockhaus, Sprunghöhe (wo wir s. Z. das Tuch liegen ließen) u.s.w. [über der Zeile] ich durch den Friedhof bis nach
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| Haus. Den ganzen Tag drohte es etwas mit Gewitterneigung, aber es kam nicht dazu, und da oben war es herrlich kühl. Wir haben öfter auf schönen Bänken gesessen, und das Ganze war sehr lohnend. Du kannst Dir wohl denken, wie leid es mir war, daß ich nicht diesen Weg mit Dir machen konnte; oder Dir wenigstens diese ganze Herrlichkeit zum Sonntag zuschicken konnte. Denn es ist doch sicher bei Euch noch weit zurück und wir sind hier von der Natur sehr bevorzugt.
Unterwegs wurde ich von einem früheren Mädchen von Schwalbes angesprochen, die sich sehr nach der Familie erkundigte. Ich schrieb Dir wohl, daß ich von Hermann hörte, Johanna wäre mit ihrer Enkelin evakuiert. - Und jetzt jährt es sich, daß Adele starb. Ich denke viel daran, und gönne ihr die Ruhe.
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Es ist ja eigentlich merkwürdig, daß man trotz allem, was man hört und mitfühlt, doch imstande ist, solch einen friedvollen Frühlingstag zu genießen. Es ist als wenn die Mutter Erde sagen wollte, mein Reichtum ist unerschöpflich, und das Leben wird immer wieder jung in unberührter Schönheit. So tröstet uns die stumme Natur, und so gibt es uns neuen Glauben, wenn wir - wie Du - geistiges Leben sich wieder entfalten sehen.
Ob Du heute auch mit Susanne im Freien warst? Es ist nur immer so mühsam erkauft in dem überfüllten Berlin! - Grüße sie herzlich und laßt es Euch möglichst gut gehen.
Und nun noch einmal Gruß im Zeichen der Maiblumen von
Deiner
Käthe.