Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 3. Juni 1942 (Heidelberg)


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Heidelberg. 3. Juni 42.
(Geburtstag von Tanting)
Mein liebes Herz!
Jede gute, sonnige Stunde begrüße ich in Gedanken an Euer defektes Dach. Es ist ja wirklich ein ausgesuchtes Mißgeschick, daß Ihr gerade in der Bahn dieser seltsamen Windhose liegen mußtet, und sie hat wohl gewußt, daß sie da ein dankbares Objekt fände, denn das Dach war doch von jeher ein wunder Punkt. Kann man von den Ziegeln, die in den Garten flogen, gar nichts mehr retten? Du hast ja recht, daß andere in dieser Zeit Schlimmeres erleben, aber es ist doch wirklich recht arg und war ganz gewiß auch im Moment der Katastrophe ein großer Schreck. Und doch ist es nur etwas, was sich mit Geld wieder gut
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| machen läßt, und wieviel Unbezahlbares geht jetzt stündlich zu Grunde. Ich begreife auch sehr, daß Dir das Mißbefinden von Susanne mehr Sorge machte, und ich bin froh, daß es sichtbar besser damit wurde. Hat sie denn auch genug Schlaf? Du schreibst öfter von frühem Aufstehen, das ist aber gewiß für sie nicht ratsam, denn sie ist schlafbedürftig. Und was man jetzt an den berühmten Calorien zuwenig bekommt, läßt sich am ersten auf diesem Wege ersetzen. Und das wenigstens ist noch nicht genormt. Alles andere ist glücklich soweit organisiert, daß man nichts mehr davon zu sehen bekommt. So z. B. Spargel. Und alles andere ist nur tageweise da; Du kannst heute nur Salat kaufen, gestern nur Spinat, und seit 8 Tagen ist in keinem Geschäft ein Radieschen zu sehen. Auch den saueren Rhabarber suche ich seit 3 Tagen vergeblich; das kommt, weil alles durch die Groß
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|markthalle geht und niemand vom Produzenten direkt kaufen darf. Dabei blüht der Schleichhandel in der Stille wie noch nie. In der Magenfrage zeigen die Leute noch einen großen Heroismus und riskieren üble Strafen. - Während bei Euch das Unwetter hauste, hatten wir hier Tage mit ständigen Gewittern und Regenschauern, und die Sommerwärme ging auf 10° und weniger zurück. Seit gestern nun ist es wieder warm und man kann hoffen, daß eine neue Gewitterepoche kommt. Dabei ist alles so reich in der Blüte, aber ob es Fruchtansatz gibt, ist sehr die Frage. Es war lange Zeit zu trocken und kühl. So macht es eben der Himmel nie recht.
Heute hatte ich das Ehepaar Both, Freunde von Adele bei mir zum Kaffee und hatte dazu einen Obstkuchen gebacken. Er war gut geraten, aber ich bin im Backen sehr unerfahren und ängstlich. Doch ist es jetzt entschieden nötig, denn für die
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| wenigen Kuchenmarken bekommt man nichts Reelles. Auch mein Machwerk hatte ⅓ Kartoffelzusatz! - - Es amüsiert mich, daß Du aus dem kleinen Bild fürs silberne Herz auf mein Aussehen schließen willst! Das mit den Nagelschuhen ist doch vom Hermersberger Hof, und das Gruppenbild ist vom vorigen Jahr aus Schönbrunn; und Du hast davon eine Vergrößerung, Profilbild. Man könnte also auf die Rückseite schreiben: einst und jetzt! -
Und Du, fleißiger Mann, lebst in der Zeit, die über der Zeit ist, und das ist gut. Laß Dich davon ganz erfüllen und alles Mißgeschick außen abgleiten, nicht "nach innen schlagen". - Auch mir bleiben Unannehmlichkeiten eben nicht aus. Die Augen sind immer noch etwas reizbar, und an der dummen, japanischen Primel auf Adeles Grab habe ich mir einen lästigen Ausschlag an den Händen zugezogen. Ich bekämpfe ihn aber erfolgreich mit Naphtalan, das ich noch besitze.
Ich grüße Euch arme gerupfte Hinkel sehr herzlich.
Von Herzen
Deine Käthe.