Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 16. Juni 1942 (Heidelberg)


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Heidelberg. 16. Juni 1942
Mein geliebtes Herz!
Da sitze ich an meinem Sekretär eingewickelt wie im Luftschutzkeller, denn es ist hahnebüchen kalt. Im Zimmer zeigt das Thermometer zwar 13°, aber ich glaube ihm nicht recht und draußen ist es den ganzen Tag nicht über 9°R gekommen. Ist das ein Juni?? Die Schwarzwaldreisenden haben hoffentlich Winterzeug mit. Dabei gibt es trotz der Kälte immer wieder regelrechte Gewitter und böige Winde, fast Sturm. Wie mag es mit eurem Ausflug am Montag gegangen sein? Ich hatte für den Sonntag mit Frl. Seidel verabredet, aber da es die ganze Nacht regnete, habe ich verzichtet. Nachher war der Vormittag doch ganz leidlich und man hätte wohl gehen können. Aber ich war doch froh, still zu Haus zu sein. Ich bin ja ohnehin immer so viel unterwegs.
Sehr erfreut und dankbar war ich über Deinen lieben Brief. Hat das Reparieren durch Schlaf
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| einigermaßen genutzt? Froh bin ich, daß der Dachdecker nun kam. Hoffentlich hat er seine Sache gut gemacht. - Mit meinen Augen geht es besser. Es ist möglich, daß die Sache mit einer Art Heuschnupfen zusammenhängt.
Daß ich Besuch von Gretel Schwidtal hatte, schrieb ich wohl schon. Sie hatte für die 24 Stunden von Montag bis Dienstag mittags tadelloses Wetter mitgebracht. Es war direkt wie für sie eingerichtet. Das Zeichnen, das gleichzeitig stattfinden sollte, ist noch immer nicht vonstatten gegangen, sondern ist auf morgen, Mittwoch nachmittag verlegt. Es scheint eine ziemlich schwierige Sache zu sein.
Heute kam die jüngere Tochter von Willes zu mir, die auch in Berlin verheiratet ist wie Elsbeth Gunzert, ihre Schwester. Wir sahen sie ganz kurz mit ihrem Mann in Marienbad, an dem Abend im Hotel Klinger. Sie sind dort nach einer Woche wieder abgereist wegen Hunger! - Heute kam sie als "Mädchen aus der Fremde" zu mir, da sie gehört hatte, daß ich
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| schon länger gar kein Gemüse kaufen konnte, nur Salat und Rettig gab es täglich. Da hat sie mir in echt Willescher Herzensgüte vom Markt in der Stadt, wohin sie doch ging für ihre Mutter, grüne Erbsen, Blumenkohl und Rhabarber gebracht. Die arme Frau ist sehr zu bedauern, da sie fast ganz taub ist; aber immer ist sie liebenswürdig und voll Interesse.
Allerlei erfreuende Briefe hatte ich noch außer dem Deinen. Anneliese von Schlotheim-(Malcus) schrieb sehr hübsch über ihr Lebensbild vom Großvater, meinem Onkel Hermann. Auch von ihrer Cousine Gisela Hadlich, jetzt Frau Gaßner, Tochter von Richard, Onkels Ältestem, hatte ich einen Brief mit Bild von ihr und ihrem Mann, die ich beide nicht kenne. - Dann schrieb mir Günther Ruge sehr nett, wohl aus der Gegend von Moskau, - und sehr eingehend und wie immer anregend schrieb Annemarie Böttcher, die im Luftfahrtministerium beschäftigt ist. Das alles zusammen gab mir mancherlei zu denken, wie auch eine
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| Äußerung im Brief von Cäcilie. Und alles zusammen hat eine Bewegung in mir ausgelöst, die ich so gern im Zusammensein mit Dir aussprechen würde. Aber wann und ob das etwas wird? Wer kann das wissen! Vorläufig möchte ich einkochen, als ob der Winter so sein würde wie sonst. - Übrigens hat mein Wirt mir gesagt, daß er womöglich noch weniger sitzen kann als bisher. Ich will also versuchen, ein elektrisches Öfchen zu bekommen, wozu allerdings wenig Hoffnung ist.
All diese äußeren Dinge bedenkt man wohl, aber sie gehen nicht tief. Dagegen berührt mich immer die Selbstverständlichkeit und Ruhe ganz innerlich, mit der die Leute aus dem Felde schreiben. Ich frage mich immer wieder, ob nicht doch etwas in meiner Einstellung, in der schmerzlichen Spannung, die der Weltlauf in mir auslöst, ein Unrecht ist - Unrecht gegen die da draußen, die sich ohne Besinnen rastlos einsetzen, und Unrecht gegen den Gott, an dessen Lenkung alles Geschehens zum weisen Sinn wir doch zu glauben vorgeben.
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Da verzehrt sich die Kraft in nutzlosem Grübeln, die doch überwinden und dem Leben nützen sollte. Das kommt wohl leicht, wenn man keine Aufgabe hat, die einen ausfüllen könnte. Andre arbeiten eben bis zu den Rand ihrer Kräfte und schöpfen daraus wenigstens für sich Befriedigung. - Und doch höre ich es auch wieder mit Sorge, wie sehr Du mir Deinen Kräfte Raubbau treibst. Es ist doch gar keine Frage, daß nach diesem Kampf aller gegen alle eine Zeit kommen wird, wo man sich wieder auf die Menschenwerte besinnen möchte und dann mußt Du doch auch noch helfen können, andern Halt und Richtung geben. Ist es recht, daß Du Dich jetzt so über das Maß verzehrst? Denn es ist nicht nur die Lehre, die sich auch schriftlich überliefern läßt, was sie bei Dir suchen, es ist das pflichttreue, volle und reine Menschentum, das sie durchfühlen. -
Wir sind schon manchmal so an der "Grenze" gewandert und Du gehst gern bis zum Äußersten, aber laß Dich wieder einmal
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| von mir mahnen, daß Du Dein Pfund nicht verschwendest, sondern der rechten Stunde wartest. Wie überempfindlich Du bist, sehe ich doch auch daran, daß Du es schwer nimmst, meine "Haare verloren" zu haben! Nur gut, wenn Deine fest sitzen! Bei mir ist freilich Ebbe, aber solange noch eins vorhanden ist, steht Dir doch natürlich Ersatz zur Verfügung und Du brauchst es nur zu sagen! Ich will dann auch sehr gern Bilder und Haare in das widerspenstige Herz tun.
Heute ging ein Päckchen ab, das Susanne Dir am 27. auf den Geburtstagstisch legen wird. Es ist ein recht bescheidenes Geschenk für einen 60. Geburtstag, lauter Altbekanntes. Aber wir lieben ja doch schon das "Sicherinnern".
Die Blüte oben am Brief ist von der Asklepias, die Adele gehörte und die ich mit viel Liebe pflege. Sie hat jetzt 2 Dolden von so seltsamen rosa Wachsblümchen, eine zu 15 und eine zu 25 solcher Blüten, die abends einen zarten Duft geben und jede einen Tropfen Honig tragen, der wie eine klare Träne darin steht. -
Sei mir gegrüßt, mein Liebling, und denke daran, daß Du mir versprochen hattest, für Deine Gesundheit zu sorgen. War das auch <li. Rand> ein leichtsinniges Versprechen? Treulich Deine Käthe.
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Zeitlos - Immerdar.
Die neue Zeit erwächst auf neuem Grunde,
Ihr Leben sucht nach Ordnung und Gestalt.
Sie wartet auf das Wort aus Deinem Mund,
Das ihr Erlösung bringt durch Macht von der Gewalt.
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Des Lebens Grausamkeit kann nicht das Herz versteinen,
Das in sich reichste Kraft des Daseins spürt.
Kann auch der Blick die Gegensätze nicht vereinen
Durch sie hindurch der Weg zur Einheit führt.
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Nicht aus den Dingen kommt uns, was wir hoffen,
Wir finden nie das Glück, das wir gedacht.
Und doch ist überall der Himmel offen:
Aus Überwindung quillt des Schaffens Macht.
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Sie wächst gereinigt aus der Glut der Leiden
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Und formt ein neues Bild vom Lebensziel,
Kann sie auch nur in ird'sche Formen kleiden,
Was über diese Erde tragen will.
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Wie immer neu gestaltet höchstes Leben
Aus Winterstarre sich zu Frühlingspracht -
So unaufhaltsam ringt das freie Streben
Aus der Verwirrung sich zu göttlich reiner Macht.
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Du kannst zum Lichte führen, was gebunden
In Dumpfheit sehnend auf Erlösung harrt,
Du hast den rechten Weg empor gefunden
Durch Leiden und Gefahr nach echter Führer Art.
Wie einst, so heute
zum 60. Geburtstag aus treuem Herzen
von
Deiner Käthe.

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| <2 beigelegte Zettel>
Innigste Segenswünsche!
<von fremder Hand: > Widmung aus dem Buch "Heidelberg und Neckartal" von Hermann Eris Busse, Freiburg 1939
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| <mit aufgeklebter Feder quer über das Blatt>
Gedenke zu leben!
Königstein i. Taunus.  5.–26.8.42.         Im Zeichen der Ewigkeit.
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<mit Stempel o.ä. von Maiglöckchen>
Einen herzlichen Gruß zum 31.8.!