Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 28. August 1942 (Heidelberg)


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Heidelberg. 28.VIII.1942.
Mein geliebtes Herz!
Nun schreibe ich also wieder aus meiner stillen Klause und bin auch gleich tüchtig in Gang gekommen. Gern wüßte ich, wie Eure Reise weiter verlaufen ist? Bei mir ging alles vorzüglich. Der Platz, den Du mir gesucht hattest, war herrlich; nur 6 Personen im Abteil, auf meiner Seite die Bergstraße, wunderschön beleuchtet. Wir hielten nur in Darmstadt, Bensheim, Weinheim - dann glatt durch und waren pünktlich hier. Am Bahnhof war alles wie gewöhnlich, die Elektrische kam sehr bald und hielt vor meiner Nase, sodaß ich einen Sitzplatz bekam. Unterwegs sprachen die Leute von 1½ Stunden Alarm, aber ein Angriff hat hier überhaupt noch nicht stattgefunden!!! - An der Markscheide traf ich
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| Gunhild Buttmi, die mir die Handtasche trug, und erzählte, daß sie auch gerade zurück gekommen wären. An meiner Wohnungstür fand ich eine Tasche mit vielen Päckchen darin und obenauf einen Zettel mit "herzlichem Willkommensgruß von Heinrichs." Da war Brot und Butter, ein Kännchen Milch, 4 prachtvolle Tomaten, ein wunderschöner Kopf Salat und selbstgebacknes Weißbrot! war das nicht ein schöner Empfang? - Als ich dann nachdenklich das letzte Brot aus Königstein verzehrte, klingelt es und Frau von Schoepffer bringt einen großen Strauß Flox und Dalien aus ihrem Garten. So haben mich meine "getreuen Nachbarn" freundlich begrüßt und es mir in meiner Einsamkeit wieder heimisch gemacht.
Nach einer gut durchschlafenen Nacht mußte ich dann früh ins Dorf, um Milch und Brot zu holen, später in die Stadt wegen der Lebens
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|mittelkarten, dann zum Vorstand, die ich unverändert fand. Während ich da war, kam ihre Nichte Elisabeth Dähne, die für einige Tage bei Mehners zu Besuch ist, und die vor allem von ihrem einzigen Sohn sprach, der als Flieger gefallen ist. Der Brief eines Kameraden gab ein schönes Bild seines lebensfreudigen und doch todbereiten Daseins. - Am Bahnhof aß ich dann recht gut, mit ausgezeichnetem Vanilleeis, für 1,50 M - und holte dann meinen Koffer, den ich auf diese Weise für 10 Pf Elektrische bis nach Haus brachte. Ich konnte die 30 <altes Pfundzeichen> mit öfterem Abstellen ganz gut tragen. Als ich ihn schließlich auch noch die Treppe rauf geschleift hatte, gab es Alarm und ich überlegte, daß er also besser unten geblieben wäre - aber es kam überhaupt nicht zum Schießen und nach ½ Stunde wurde abgeblasen. Man sagt hier, nach dem großen Angriff seien noch zwei weitere in Mainz gewesen und die Altstadt wäre völlig Ruine. Jetzt nun dörrt der Himmel alles
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| recht gründlich aus, damit es dann auch gut brennt. Wir haben durchschnittlich 22-38°R., in der Sonne wahrscheinlich noch mehr. Aber es ist eine trockene Hitze, kein Gewitter. Wie ist es bei Euch, kann man das Haus kühl halten? Unter meinem Dach ist es knuffig. Ich bin doch froh, daß wir es in Königstein nicht so hatten, dann wäre die Luft nicht so kräftigend gewesen.
Ich lebe jetzt von der Erinnerung und freue mich dankbar der neuen Kraft, die ich körperlich und seelisch von dieser weltentrückten Zeit mitgebracht habe. Man sagt mir zwar ungefragt, ich sei nicht dicker geworden, aber ich fühle mich entschieden widerstandsfähiger. Dir aber danke ich noch einmal für diese friedensvollen Wochen von ganzem Herzen.
Für heute Schluß - oder wollen wir noch einmal Dame spielen? - Ich möchte, daß der Brief zum Sonntag bei Euch wäre und Dir und Susanne meine Grüße brächte.
In treuer Liebe
Deine
Käthe.

[li. Rand] Auch das Paket ist schon unversehrt angekommen.